Kunstmärchen

Flaschenhals

Die Lebensgeschichte eines Flaschenhalses, der von seiner Geburt im Ofen über glückliche Feiern, Schiffbruch und weite Reisen bis zu seinem bescheidenen Dasein als Vogeltränke reicht, spiegelt die Vergänglichkeit menschlichen Glücks und die verborgenen Verbindungen zwischen Schicksalen wider.

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Flaschenhals

In einer engen, krummen Gasse, in einer Reihe anderer elender Häuschen, stand ein schmales, hohes Haus, zur Hälfte aus Stein, zur Hälfte aus Holz, bereit, an allen Enden auseinanderzukriechen. Darin wohnten arme Leute; besonders arm und dürftig war die Einrichtung in der kleinen Kammer, die sich direkt unter dem Dach duckte. Vor dem Fenster der Kammer hing ein alter Käfig, in dem nicht einmal ein richtiger Wassernapf war: ihn ersetzte ein Flaschenhals, der mit einem Korken verschlossen und mit dem verschlossenen Ende nach unten gestülpt worden war. Am offenen Fenster stand eine alte Jungfer und fütterte einen Hänfling mit frischem Vogelmiere, während das Vöglein fröhlich von Stange zu Stange hüpfte und sein Liedchen trällerte.

„Dir ist gut singen!" sagte der Flaschenhals, natürlich nicht so, wie wir sprechen – ein Flaschenhals kann nicht sprechen – er dachte es nur, sagte es zu sich selbst, wie manchmal Menschen gedanklich mit sich selbst reden. „Ja, dir ist gut singen! Du hast wohl noch alle Knochen heil! Aber versuch du nur einmal, so wie ich, deinen ganzen Leib zu verlieren, mit bloßem Hals und Mund dazustehen, dazu noch mit einem Korken verstopft, wohl würdest du dann nicht mehr singen! Immerhin ist es gut, dass wenigstens jemand fröhlich sein kann! Ich habe keinen Grund, fröhlich zu sein und zu singen, und ich kann heute auch gar nicht singen! Doch in vergangenen Zeiten, als ich noch eine ganze Flasche war, da sang auch ich, wenn man mit einem nassen Korken über mich fuhr. Man nannte mich sogar einst eine Lerche, eine große Lerche! Ich bin auch im Wald gewesen! Jawohl, man nahm mich am Verlobungstag der Tochter des Kürschners mit. Ja, ich erinnere mich an alles so lebhaft, als wäre es erst gestern gewesen! Viel habe ich erlebt, wenn ich so nachdenke, bin durch Feuer und Wasser gegangen, war sowohl unter der Erde als auch hoch in den Lüften, ganz anders als andere! Und nun schwebe ich wieder in der Luft und wärme mich in der Sonne! Meine Geschichte ist es wert, angehört zu werden! Doch ich erzähle sie nicht laut, und ich kann es auch nicht."

Und der Hals erzählte sie sich selbst, genauer gesagt, er dachte sie sich durch. Die Geschichte war tatsächlich ziemlich bemerkenswert, während der Hänfling indessen munter in seinem Käfig weiterträllerte. Unten auf der Straße gingen und fuhren Menschen, jeder dachte das Seine oder dachte überhaupt an nichts – dafür dachte der Flaschenhals!

Er erinnerte sich an den feurigen Ofen in der Glashütte, wo der Flasche Leben eingehaucht worden war, erinnerte sich, wie heiß die junge Flasche gewesen war, wie sie in die brodelnde Schmelzöfen blickte – den Ort ihrer Geburt –, erfüllt vom glühenden Wunsch, wieder hineinzuspringen. Doch allmählich kühlte sie ab und fand sich völlig mit ihrer neuen Lage ab. Sie stand in einer Reihe anderer Brüder und Schwestern. Es waren hier ganze Regimenter! Alle kamen sie aus demselben Ofen, doch einige waren für Champagner bestimmt, andere für Bier, und das macht einen Unterschied! Später geschieht es freilich, dass auch eine Bierflasche mit kostbarem Lacrimae Christi gefüllt wird und eine Champagnerflasche mit Schuhcreme, dennoch verrät sofort die Form jeder einzelnen ihre ursprüngliche Bestimmung – eine edle bleibt edel, selbst wenn Schuhcreme in ihr ist!

Alle Flaschen wurden verpackt; unsere Flasche ebenfalls; damals ahnte sie noch nicht, dass sie als Flaschenhals enden würde, in der Funktion eines Napfes für ein Vöglein – einer Aufgabe übrigens im Grunde recht ehrenvoll: besser doch irgendetwas zu sein als nichts! Das helle Licht erblickte die Flasche erst im Weinkeller; dort wurde sie zusammen mit ihren Gefährtinnen ausgepackt und ausgespült – welch seltsames Gefühl! Die Flasche lag leer, ohne Korken, und empfand in ihrem Bauch eine gewisse Leere, als fehle ihr etwas, doch was – das wusste sie selbst nicht. Doch dann wurde sie mit wunderbarem Wein gefüllt, verkorkt und mit Siegellack versiegelt, und seitlich klebte ein Etikett: „Erste Sorte". Die Flasche schien gleichsam die höchste Note in einer Prüfung erhalten zu haben; doch der Wein war tatsächlich gut, die Flasche ebenfalls. In der Jugend sind wir alle Dichter, und so spielte und sang auch in unserer Flasche etwas von Dingen, von denen sie selbst keine Ahnung hatte: von grünen, sonnenbeschienenen Bergen mit Weinbergen an den Hängen, von fröhlichen Mädchen und Burschen, die singend Trauben lesen, sich küssen und lachen… Ja, das Leben ist so schön! Das trieb und sang in der Flasche, wie in der Seele junger Dichter – auch diese wissen oft selbst nicht, wovon sie singen.

Eines Morgens wurde die Flasche gekauft – ein Junge des Kürschners erschien im Keller und verlangte eine Flasche Wein allererster Sorte. Die Flasche landete in einem Korb neben einem Schinken, Käse und Wurst, herrlichster Butter und Brötchen. Die Tochter des Kürschners packte selbst alles in den Korb. Das Mädchen war jung und hübsch; ihre schwarzen Augen lachten förmlich, auf ihren Lippen spielte ein Lächeln, ebenso ausdrucksstark wie ihre Augen. Ihre Händchen waren zart, weich und weiß wie Schnee, doch Brust und Nacken waren noch weißer. Sofort war erkennbar, dass sie eines der schönsten Mädchen der Stadt war – und stellen Sie sich vor – noch nicht verlobt!

Die ganze Familie begab sich in den Wald; den Korb mit den Vorräten hielt das Mädchen auf dem Schoß; der Flaschenhals ragte unter dem weißen Tischtuch hervor, mit dem der Korb bedeckt war. Der rote Siegelkopf der Flasche blickte direkt auf das Mädchen und auf den jungen Steuermann, den Sohn ihres benachbarten Malers, den Gefährten ihrer Kinderspiele, der neben ihr saß. Er hatte gerade glänzend seine Prüfung bestanden und sollte bereits am nächsten Tag mit einem Schiff in fremde Länder aufbrechen. Darüber wurde viel während der Vorbereitungen für den Waldausflug gesprochen, und in diesen Minuten war im Blick und im Ausdruck des Gesichtchens der hübschen Kürschnertochter keine besondere Freude zu bemerken.

Die jungen Leute wanderten durch den Wald. Worüber sprachen sie? Nun, das hörte die Flasche nicht: sie blieb ja im Korb und hatte sogar Zeit, sich zu langweilen, während sie dort stand. Doch endlich wurde sie herausgenommen, und sofort sah sie, dass die Dinge inzwischen eine sehr fröhliche Wendung genommen hatten: die Augen aller lachten förmlich, die Kürschnertochter lächelte, sprach jedoch irgendwie weniger als zuvor, während ihre Wangen regelrecht von Rosen blühten.

Der Vater nahm die Flasche mit dem Wein und den Korkenzieher… Und welch seltsames Gefühl empfindet man, wenn man zum ersten Mal geöffnet wird! Die Flasche konnte jene feierliche Minute niemals vergessen, als der Korken förmlich aus ihr herausgeschleudert wurde und ihr ein tiefer Seufzer der Erleichterung entfuhr, während das Wein in die Gläser perlte: kluck-kluck-kluck!

„Auf die Gesundheit des Bräutigams und der Braut!" sagte der Vater, und alle leerten ihre Gläser bis auf den Grund, und der junge Steuermann küsste die schöne Braut.

„Gott gebe euch Glück!" fügten die Alten hinzu. Der junge Seemann füllte nochmals die Gläser und rief aus:

„Auf meine Heimkehr und unsere Hochzeit genau in einem Jahr!" – Und als die Gläser geleert waren, packte er die Flasche und warf sie hoch, hoch hinauf in die Luft: „Du warst Zeugin der schönsten Minuten meines Lebens, so diene denn fortan niemandem mehr!"

Der Kürschnertochter kam damals nicht einmal in den Sinn, dass sie dieselbe Flasche jemals wieder hoch, hoch in der Luft sehen würde, und doch sollte es geschehen.

Die Flasche fiel in dichtes Schilf, das an den Ufern eines kleinen Waldsees wuchs. Der Flaschenhals erinnerte sich noch genau, wie sie dort lag und nachdachte: „Ich habe sie mit Wein bewirtet, und sie bewirten mich jetzt mit Sumpfwasser, doch gewiss aus gutem Herzen!" Die Flasche sah weder den Bräutigam noch die Braut noch die glücklichen alten Leute, doch lange hörte sie noch ihr fröhliches Jubeln und Singen. Dann erschienen zwei Bauernjungen, schauten ins Schilf, entdeckten die Flasche und nahmen sie mit – nun war sie untergebracht.

Die Jungen wohnten in einem kleinen Haus im Wald. Gestern war ihr älterer Bruder, ein Matrose, bei ihnen gewesen, um Abschied zu nehmen – er fuhr auf eine weite Reise; und nun beschäftigte sich die Mutter damit, dies und jenes, was er für die Reise benötigte, in seine Truhe zu packen. Am Abend wollte der Vater selbst die Truhe in die Stadt bringen, um sich noch einmal von seinem Sohn zu verabschieden und ihm den Segen der Mutter zu überbringen. In die Truhe war auch eine kleine Flasche mit Likör gepackt worden. Plötzlich erschienen die Jungen mit einer großen Flasche, weit besser und stabiler als die kleine. In sie passte viel mehr Likör hinein, und der Likör war sehr gut und sogar heilsam – gut für den Magen. Also wurde die Flasche nicht mit Rotwein, sondern mit bitterem Likör gefüllt, doch auch das war gut – für den Magen. In die Truhe wurde statt der kleinen die große Flasche gelegt, die somit zusammen mit Peter Jensen auf Reise ging, und dieser diente auf demselben Schiff wie der junge Steuermann. Doch der junge Steuermann sah die Flasche nicht, und hätte er sie gesehen – er hätte sie nicht erkannt; es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, dass dies genau dieselbe war, aus der sie im Wald bei seiner Verlobung und auf sein glückliches Heimkommen getrunken hatten.

Zwar befand sich in der Flasche kein Wein mehr, doch etwas nicht Schlechteres, und Peter Jensen holte häufig seine „Apotheke" heraus, wie seine Kameraden die Flasche nannten,

und schenkte ihnen Medizin ein, die so gut auf den Magen wirkte. Und die Medizin bewahrte ihre heilende Kraft bis zum allerletzten Tropfen. Das war eine fröhliche Zeit! Die Flasche sang sogar, wenn man den Korken über sie rieb, und deshalb nannte man sie „die große Lerche" oder „Peter Jensens Lerche".

Viel Zeit verging; die Flasche stand längst leer in einer Ecke, da geschah plötzlich ein Unglück. Ob das Missgeschick schon auf der Reise in fremde Länder oder erst auf dem Rückweg geschehen war – die Flasche wusste es nicht, denn sie war kein einziges Mal an Land gegangen. Ein Sturm brach los; riesige schwarze Wellen warfen das Schiff wie einen Ball, der Mast zerbrach, es entstand ein Leck und Wasser drang ein, die Pumpen versagten. Undurchdringliche Finsternis herrschte, das Schiff neigte sich und begann zu sinken. In diesen letzten Minuten gelang es dem jungen Steuermann, auf einem Fetzen Papier einige Worte zu kritzeln: „Herr, erbarme dich! Wir gehen unter!" Dann schrieb er den Namen seiner Braut, seinen eigenen Namen und den Namen des Schiffes, rollte das Papier zusammen, steckte es in die erste beste leere Flasche, verschloss sie fest mit dem Korken und warf sie in die tobenden Wellen. Er wusste nicht, dass dies dieselbe Flasche war, aus der er am glücklichen Tag seiner Verlobung guten Wein in Gläser geschenkt hatte. Nun schwamm sie, von den Wellen geschaukelt, davon und trug seinen abschiednehmenden, todgeweihten Gruß mit sich.

Das Schiff ging unter, die gesamte Besatzung ebenfalls, doch die Flasche eilte über das Meer dahin wie ein Vogel: denn sie trug ja den herzlichen Gruß des Bräutigams an die Braut! Die Sonne ging auf und unter und erinnerte die Flasche an den glühenden Ofen, in dem sie geboren worden war und in den sie damals so gern zurückgesprungen wäre. Sie erlebte sowohl Windstille als auch neue Stürme, doch sie zerschellte nicht an Felsen und geriet nicht ins Maul eines Hais. Mehr als ein Jahr trieb sie hin und her auf den Wellen; zwar war sie in dieser Zeit ihr eigener Herr, doch auch das kann schließlich langweilig werden.

Der beschriebene Papierfetzen, das letzte Lebewohl des Bräutigams an die Braut, hätte nur Leid gebracht, wäre er in die Hände derjenigen gelangt, für die er bestimmt war. Doch wo waren jene weißen Händchen, die am glücklichen Tag der Verlobung auf dem frischen Gras im grünen Wald eine weiße Tischdecke ausgebreitet hatten? Wo war die Tochter des Riemers? Und wo war überhaupt die Heimat der Flasche? Welchem Land näherte sie sich nun? Nichts davon wusste sie. Sie trieb und trieb auf den Wellen, sodass sie am Ende sogar Langeweile empfand. Auf den Wellen herumzutreiben war вовсе nicht ihre Sache, und dennoch trieb sie so lange, bis sie endlich an die Küste eines fremden Landes gelangte. Sie verstand kein einziges Wort von dem, was ringsum gesprochen wurde: man sprach eine fremde, ihr unbekannte Sprache und nicht diejenige, an die sie in ihrer Heimat gewöhnt war; die Sprache nicht zu verstehen, die ringsum gesprochen wird – das ist ein großer Verlust!

Die Flasche wurde aufgefangen, untersucht, man sah die Notiz heraus, drehte sie hin und her, konnte sie jedoch nicht entziffern, obwohl man verstand, dass die Flasche von einem untergehenden Schiff geworfen worden war und dass all dies in der Notiz stand. Aber was genau? Ja, darin lag eben der Haken! Die Notiz wurde wieder in die Flasche gesteckt und die Flasche in einen großen Schrank gestellt, der in einem großen Saal eines großen Hauses stand.

Jedes Mal, wenn ein neuer Gast ins Haus kam, wurde die Notiz herausgenommen, gezeigt, gedreht und betrachtet, sodass die mit Bleistift geschriebenen Buchstaben allmählich verwischten und am Ende ganz verschwanden – niemand hätte jetzt noch sagen können, dass auf diesem Fetzen jemals etwas geschrieben gewesen war. Die Flasche selbst stand noch etwa ein Jahr im Schrank, dann gelangte sie auf den Dachboden, wo sie ganz mit Staub und Spinnweben bedeckt wurde. Dort stehend erinnerte sie sich an die besten Tage, als man im grünen Wald Rotwein aus ihr einschenkte, als sie auf den Meereswellen schaukelte und ein Geheimnis, einen Brief, das letzte Lebewohl in sich trug!...

Auf dem Dachboden stand sie ganze zwanzig Jahre; sie hätte noch länger gestanden, doch man beschloss, das Haus umzubauen. Das Dach wurde abgedeckt, man sah die Flasche und sagte irgendwelche Dinge, doch sie verstand nach wie vor kein Wort – eine Sprache lernt man nicht, indem man auf dem Dachboden steht, mag man dort auch zwanzig Jahre stehen! „Wenn ich doch unten im Zimmer geblieben wäre", dachte die Flasche vernünftigerweise, „dann hätte ich sie sicherlich gelernt!"

Die Flasche wurde gewaschen und ausgespült – dessen bedurfte sie sehr. Und so klärte sie sich ganz auf, wurde hell, als wäre sie wieder jung geworden; dafür aber wurde die Notiz, die sie in sich getragen hatte, zusammen mit dem Wasser aus ihr hinausgeschüttet.

Die Flasche füllte man mit ihr unbekannten Samen; man verschloss sie mit einem Korken und packte sie so sorgfältig ein, dass sie nicht einmal das Tageslicht sehen konnte, geschweige denn Sonne oder Mond. „Man muss doch etwas sehen, wenn man reist", dachte die Flasche, doch sie bekam nichts zu Gesicht. Die Hauptsache war jedoch erledigt: sie trat die Reise an und gelangte dorthin, wohin sie sollte. Dort wurde sie ausgepackt.

„Da haben sie sich aber drüben im Ausland Mühe gegeben! Schau nur, wie sie eingepackt ist, und trotzdem ist sie vielleicht gesprungen!" hörte die Flasche, doch es stellte sich heraus, dass sie nicht gesprungen war.

Die Flasche verstand jedes Wort; man sprach dieselbe Sprache, die sie gehört hatte, als sie aus dem Schmelzofen kam, die sie beim Weinhändler gehört hatte, im Wald und auf dem Schiff, kurzum – die einzige, wahre, verständliche und gute Muttersprache! Sie befand sich wieder zu Hause, in der Heimat! Vor Freude wäre sie beinahe aus den Händen gesprungen und achtete kaum darauf, dass man sie öffnete, leerte und dann in den Keller stellte, wo man sie vergaß. Doch zu Hause ist es auch im Keller gut. Es fiel ihr gar nicht ein, zu zählen, wie lange sie hier gestanden hatte, und doch stand sie mehr als ein Jahr! Da kamen wieder Leute und holten alle im Keller befindlichen Flaschen, darunter auch unsere.

Der Garten war prächtig geschmückt; über die Wege spannten sich Girlanden aus bunten Lichtern, Papierlaternen leuchteten wie durchscheinende Tulpen. Der Abend war wunderbar, das Wetter klar und still. Am Himmel funkelten Sternchen und ein junger Mond; sichtbar war übrigens nicht nur sein goldener, sichelförmiger Rand, sondern der ganze graublaue Kreis – sichtbar natürlich nur für diejenigen, die gute Augen hatten. Auch in den Seitenalleen war eine Illumination eingerichtet, wenn auch nicht so glänzend wie in den Hauptalleen, doch völlig ausreichend, damit die Leute nicht im Dunkeln stolperten. Hier, zwischen den Büschen, standen Flaschen mit hineingesteckten brennenden Kerzen; hier befand sich auch unsere Flasche, der es am Ende beschieden sein sollte, als Näpfchen für einen Vogel zu dienen. Die Flasche war entzückt; sie befand sich wieder mitten im Grünen, wieder herrschte um sie herum Fröhlichkeit, Gesang und Musik erklangen, Gelächter und Gerede der Menge, besonders dicht dort, wo die Girlanden bunter Lämpchen schaukelten und die Papierlaternen in leuchtenden Farben schimmerten. Die Flasche selbst stand zwar in einer Seitenallee, doch gerade hier konnte man träumen; sie hielt eine Kerze – diente sowohl zur Zierde als auch zum Nutzen, und darin liegt ja der eigentliche Sinn. In solchen Momenten vergisst man sogar die zwanzig Jahre, die man auf dem Dachboden verbracht hat – was könnte besser sein!

An der Flasche vorüber ging ein Pärchen Hand in Hand, genau wie jenes Pärchen im Wald – der Steuermann mit der Tochter des Riemers; die Flasche schien plötzlich in die Vergangenheit zurückversetzt. Im Garten lustwandelten eingeladene Gäste, lustwandelten auch Fremde, denen erlaubt war, die Gäste und das schöne Schauspiel zu bewundern; unter ihnen befand sich auch eine alte Jungfer, sie hatte keine Verwandten, aber Freunde. Sie dachte an dasselbe wie die Flasche; auch ihr fiel der grüne Wald und das junge Pärchen ein, das ihrem Herzen so nahe gestanden hatte – denn sie selbst hatte an jenem fröhlichen Ausflug teilgenommen, sie selbst war jene glückliche Braut gewesen! Sie hatte damals im Wald die glücklichsten Stunden ihres Lebens verbracht, und die vergisst man nicht, selbst wenn man eine alte Jungfer geworden ist! Doch sie erkannte die Flasche nicht, und auch die Flasche erkannte sie nicht. So geschieht es auf der Welt immer und immer wieder: alte Bekannte treffen sich und trennen sich, ohne einander zu erkennen, bis zu einem neuen Treffen.

Und auch die Flasche erwartete ein neues Treffen mit einer alten Bekannten – denn sie befanden sich nun in derselben Stadt!

Aus dem Garten gelangte die Flasche zum Weinhändler, wurde wieder mit Wein gefüllt und an einen Luftschiffer verkauft, der am folgenden Sonntag mit einem Luftballon aufsteigen sollte. Eine große Menschenmenge hatte sich versammelt, eine Blaskapelle spielte; große Vorbereitungen wurden getroffen. Die Flasche sah all dies aus dem Korb, in dem sie neben einem lebendigen Kaninchen lag. Das arme Kaninchen war ganz verwirrt – es wusste, dass es aus großer Höhe an einem Fallschirm herabgelassen werden sollte! Die Flasche hingegen wusste nicht, wohin sie fliegen würden – hinauf oder hinunter; sie sah nur, dass der Ballon immer größer wurde, sich dann vom Boden erhob und nach oben strebte, doch die Seile hielten ihn noch fest. Schließlich wurden sie durchgeschnitten, und der Ballon schwang sich samt

mit dem Luftschiffer, dem Korb, der Flasche und dem Kaninchen. Die Musik donnerte, und das Volk schrie „Hurra".

„Wie seltsam es doch ist, durch die Luft zu fliegen!", dachte die Flasche. „Das ist eine neue Art zu schwimmen! Hier stößt man wenigstens nicht auf einen Stein!"

Eine vieltausendköpfige Menge betrachtete den Ballon; aus ihrem offenen Fenster sah auch das alte Fräulein zu; vor dem Fenster hing ein Käfig mit einem Hanfvogel, der statt eines Napfes noch immer eine Teetasse benutzte. Auf dem Fensterbrett stand ein Myrtenbäumchen; das alte Fräulein schob es beiseite, damit es nicht herunterfiele, lehnte sich aus dem Fenster und erkannte deutlich am Himmel den Ballon und den Luftschiffer, der das Kaninchen an einem Fallschirm herabließ, dann aus der Flasche auf das Wohl der Bewohner trank und die Flasche in die Höhe warf. Dem Mädchen kam nicht einmal in den Sinn, dass dies genau jene Flasche war, die ihr Verlobter im grünen Wald am glücklichsten Tag ihres Lebens hoch in die Luft geworfen hatte!

Die Flasche hingegen hatte keine Zeit, über irgendetwas nachzudenken – sie befand sich so unerwartet im Zenit ihres Lebensweges. Türme und Hausdächer lagen irgendwo dort unten, die Menschen erschienen so winzig!...

Und schon begann sie zu fallen, und zwar viel schneller als das Kaninchen; sie überschlug sich und tanzte in der Luft, fühlte sich so jung, so lebensfroh, der Wein in ihr spielte und sprudelte, doch nicht lange – er lief aus. Was für ein Flug war das! Die Sonnenstrahlen spiegelten sich an ihren gläsernen Wänden, alle Menschen sahen nur auf sie – der Ballon war bereits verschwunden; bald verschwand auch die Flasche vor den Augen der Zuschauer. Sie fiel auf ein Dach und zerbrach. Die Scherben jedoch beruhigten sich nicht sofort – sie hüpften und sprangen über das Dach, bis sie in den Hof gelangten und an den Steinen in noch kleinere Stücke zerschellten. Nur der Hals blieb erhalten; er war wie mit einem Diamanten abgeschnitten!

„Das wäre ein herrlicher Napf für einen Vogel!", sagte der Kellerbesitzer, doch er selbst besaß weder einen Vogel noch einen Käfig, und sich nur deshalb welche anzuschaffen, weil ihm ein Flaschenhals begegnet war, der sich als Napf eignete, wäre doch wirklich zu viel! Doch dem alten Fräulein, das auf dem Dachboden wohnte, konnte er nützlich sein, und so gelangte der Flaschenhals zu ihr; man stopfte ihn mit einem Korken zu, drehte ihn mit dem oberen Ende nach unten – solche Veränderungen geschehen oft auf der Welt –, füllte frisches Wasser hinein und hängten ihn an den Käfig, in dem der Hanfvogel so fröhlich sang.

„Ja, dir steht es gut, zu singen!", sagte der Flaschenhals, und er war etwas Besonderes – er war mit einem Luftballon geflogen! Die übrigen Umstände seines Lebens waren niemandem bekannt. Nun diente er als Vogelnapf, schwankte zusammen mit dem Käfig in der Luft, von der Straße drang das Gerassel der Wagen und das Gerede der Menge zu ihm herauf, aus der kleinen Kammer aber die Stimme des alten Fräuleins. Ihre alte Freundin und Altersgenossin war zu Besuch gekommen, und das Gespräch drehte sich nicht um den Flaschenhals, sondern um das Myrtenbäumchen, das auf dem Fenster stand.

„Wahrlich, du brauchst keine zwei Reichstaler für einen Hochzeitskranz deiner Tochter auszugeben!", sagte das alte Fräulein. „Nimm meine Myrte! Sieh nur, wie wunderbar sie ist, ganz voller Blüten! Sie ist aus einem Schössling jener Myrte gewachsen, die du mir am Tag nach meiner Verlobung geschenkt hast. Ich hatte vor, daraus einen Kranz für meinen Hochzeitstag zu flechten, doch diesen Tag habe ich nie erlebt! Jene Augen, die mir mein Leben lang Freude und Glück hätten leuchten sollen, haben sich für immer geschlossen! Auf dem Meeresgrund schläft mein lieber Verlobter!... Die Myrte ist alt geworden, und ich noch mehr! Als sie dann zu welken begann, nahm ich ihren letzten frischen Zweig und pflanzte ihn in die Erde. So ist sie gewachsen und wird doch noch zur Hochzeit gelangen: Wir werden aus ihren Zweigen einen Hochzeitskranz für deine Tochter flechten!

Dem alten Fräulein traten Tränen in die Augen; sie erinnerte sich an den Freund ihrer Jugend, an die Verlobung im Wald, an den Toast auf ihr Wohl, dachte an den ersten Kuss... doch erwähnte sie ihn nicht – war sie doch bereits eine alte Jungfer! An vieles erinnerte und dachte sie, nur nicht daran, dass draußen, so nahe bei ihr, noch eine andere Erinnerung an jene Zeit existierte – der Hals genau jener Flasche, aus der mit solchem Getöse der Korken geschossen war, als man auf das Wohl der Verlobten getrunken hatte. Und der Hals selbst erkannte die alte Bekannte nicht wieder, teilweise weil er gar nicht hörte, was sie erzählte, hauptsächlich aber, weil er nur an sich selbst dachte.