Kunstmärchen

Auf den Dünen

Die Geschichte folgt dem Schicksal von Jürgen, einem Kind spanischer Aristokraten, das nach einem Schiffbruch in Armut an der jütländischen Küste aufwächst, durch eine falsche Mordanklage schweres Leid erfährt und schließlich durch den Tod bei der Rettung seiner Geliebten sowie in einer visionären Ekstase seine erlösende Heimkehr findet.

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Auf den Dünen

Die Erzählung handelt von den jütländischen Dünen, doch beginnt sie nicht dort, sondern weit, weit im Süden, in Spanien: denn das Meer verbindet alle Länder; versetze dich also im Geiste nach Spanien! Wie warm es dort ist, wie wunderbar! Zwischen dunklen Lorbeerbäumen schimmern purpurne Granatblüten; ein kühler Lüftchen weht von den Bergen herab über die Orangenhaine und die prächtigen maurischen Galerien mit vergoldeten Kuppeln und bemalten Wänden. Durch die Straßen ziehen Prozessionen von Kindern, mit Kerzen und flatternden Fahnen in den Händen, und hoch über den Gassen der Stadt breitet sich ein klarer, reiner Himmel aus, besät mit leuchtenden Sternen! Gesänge erklingen, Kastagnetten klappern, Jünglinge und Mädchen wirbeln im Tanz unter dem Schatten blühender Akazien; ein Bettler sitzt auf den Stufen einer marmornen Treppe, stillt seinen Durst mit einer saftigen Wassermelone und versinkt darauf wieder in seinen gewohnten Schlummer, in süßen Schlaf! Ja, alles hier gleicht einem wunderbaren Traum! Alles lockt zur süßen Trägheit, zu wundersamen Träumereien! Solchen wachen Träumen ergab sich auch das junge Brautpaar, überschüttet mit allen irdischen Gütern; alles war ihm gegeben: Gesundheit, Glück, Reichtum und eine ehrenvolle Stellung in der Gesellschaft.

„Glücklicher als wir kann niemand sein!", sagten sie aufrichtig; und dennoch stand ihnen bevor, die Leiter menschlichen Wohlergehens noch eine Stufe höher zu steigen, falls Gott ihnen das erwartete Kind schenken würde, einen Sohn, ein lebendiges Abbild ihrer selbst, sowohl körperlich als auch geistig.

Ein glückliches Kind! Ihm würden allgemeiner Jubel, zärtlichste Pflege und Liebe sowie alles Wohlergehen zuteilwerden, das Reichtum und vornehme Verwandtschaft einem Menschen nur bieten können.

Das Leben war für sie ein ewiges Fest.

„Das Leben ist eine barmherzige Gabe der Liebe, beinahe zu groß, unermesslich!", sagte die Gemahlin. „Und sich vorzustellen, dass diese Fülle des Glücks noch dort, jenseits des irdischen Daseins, wachsen soll, bis ins Unendliche wachsen!... Wahrlich, ich vermag diesen Gedanken kaum zu fassen, so unermesslich ist er!"

„Doch er ist allzu vermessen!", antwortete der Gatte. „Ist es nicht im Grunde vermessen, sich einzubilden, dass uns ein ewiges Leben erwartet... wie den Göttern? Den Göttern gleich zu werden – diesen Gedanken hat doch den Menschen die Schlange eingeflößt, der Vater der Lüge!"

„Zweifelst du denn nicht an einem zukünftigen Leben?", fragte die junge Gemahlin, und gleichsam zog zum ersten Mal eine dunkle Wolke über den wolkenlosen Horizont ihrer Gedanken.

„Die Religion verheißt es uns, die Priester bestätigen diese Verheißung!", sagte der junge Gatte. „Doch gerade jetzt, da ich mich auf dem Gipfel des Glücks fühle, erkenne ich, wie hochmütig, wie vermessen es von unserer Seite ist, nach diesem Leben noch ein anderes zu fordern, eine Fortsetzung unseres Glücks zu verlangen! Ist uns nicht bereits hier, in diesem Leben, so viel gegeben, dass wir nicht nur können, sondern uns sogar vollkommen damit begnügen müssen?"

„Ja, uns ist viel gegeben", entgegnete die Frau, „doch für wie viele Tausende von Menschen ist das irdische Leben eine einzige Prüfung; wie viele sind von Geburt an Armut, Erniedrigung, Krankheit und Unglück preisgegeben! Nein, wenn auf dieses Leben kein anderes folgte, wären die irdischen Güter allzu ungleich verteilt, und Gott wäre nicht der allgerechte Richter!"

„Auch der bettelnde Landstreicher hat seine Freuden, die auf ihre Weise denen eines Königs, des Besitzers eines prächtigen Palastes, in nichts nachstehen!", antwortete der junge Mann. „Und empfindet denn nicht, deiner Meinung nach, das Lastvieh, das geschlagen, ausgehungert und durch Arbeit gequält wird, die Schwere seines irdischen Loses? Kann also nicht auch das Tier ein Leben nach dem Tod für sich beanspruchen und seine niedrige Stellung in der Reihe der anderen Geschöpfe als ungerecht betrachten?"

„In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen", sprach Christus!", entgegnete die junge Frau. „Das Himmelreich ist grenzenlos, ebenso wie die Liebe Gottes! Auch die Tiere sind Seine Geschöpfe, und meiner Meinung nach geht kein einziges lebendes Wesen zugrunde, sondern jedes erreicht jene Stufe des Glücks, zu der es fähig ist emporzusteigen!"

„Nun, mir genügt schon dieses Leben!", sagte der Mann und umarmte seine schöne Frau. Der Rauch seiner Zigarette zog vom offenen Balkon hinaus in die kühle, vom Duft der Orangenblüten und Nelken durchtränkte Luft; von der Straße drangen Gesänge und das Klappern der Kastagnetten herauf; über ihren Häuptern funkelten die Sterne, und in die Augen des Mannes blickten die zarten Augen seiner Gemahlin, die vom Feuer unendlicher Liebe leuchteten.

„Schon eine solche Minute ist es wert, dass ein Mensch geboren wird, sie erlebt und – verschwindet!", fuhr er lächelnd fort; die junge Frau drohte ihm liebevoll mit dem Finger, und die dunkle Wolke zog vorüber – sie waren allzu glücklich!

Die Umstände gestalteten sich für sie so günstig, dass das Leben ihnen noch größere Güter in Aussicht stellte. Zwar erwartete sie eine Veränderung, doch lediglich des Ortes, nicht ihres glücklichen Lebenswandels. Der König ernannte den jungen Mann zum Gesandten am Kaiserlich Russischen Hofe – Herkunft und Bildung machten ihn dieser ehrenvollen Bestellung völlig würdig.

Der junge Mann besaß selbst Vermögen, und auch die junge Gemahlin brachte ihm nicht weniger ein; sie war die Tochter eines reichen, geachteten Kaufmanns. Eines der größten und besten Schiffe desselben sollte genau in diesem Jahr nach Stockholm segeln; auf diesem beschloss man, die teuren Kinder, Tochter und Schwiegersohn, nach Petersburg zu senden. Das Schiff war mit königlichem Prunk geschmückt, überall lagen weiche Teppiche, Seide und Samt...

In einem alten, uns Dänen allen bekannten Lied vom „englischen Königssohn" heißt es, wie dieser Königssohn auf einem reich geschmückten Schiff abfährt, mit Ankern aus reinem Gold und mit Taue aus Seide. Genau an dieses Schiff musste man denken, wenn man das spanische betrachtete: derselbe Luxus, dieselben Gedanken bei der Abfahrt:

O gib uns, Gott, dass wir glücklich zurückkehren!

Ein starker günstiger Wind erhob sich, der Abschied war kurz. In wenigen Wochen sollte das Schiff das Ziel der Reise erreichen. Doch als es bereits weit vom Land entfernt war, legte sich der Wind, die leuchtend glatte Oberfläche des Meeres schien erstarrt; das Wasser glänzte, die Sterne funkelten, und in der reichen Kajüte herrschte gleichsam festliche Stimmung.

Am Ende jedoch wünschten sich alle einen guten günstigen Wind, doch er dachte gar nicht daran zu erscheinen; und wenn zeitweise überhaupt Wind wehte, dann nicht günstig, sondern entgegen. Wochen vergingen nach Wochen, ganze zwei Monate dauerte es, bis endlich ein günstiger Wind aus Südwesten kam. Das Schiff befand sich damals zwischen Schottland und Jütland; der Wind blähte die Segel und trieb das Schiff dahin – ganz wie in dem alten Lied vom „englischen Königssohn":

Und der Wind erhob sich, der Himmel verdunkelte sich; Wohin sollen sie fliehen? Wo ist Ufer, wo ist Port? Den goldenen Anker ließen sie auf den Grund sinken, Doch nach Dänemark trägt sie der böse Wind.

Seitdem sind viele Jahre vergangen. Damals saß auf dem Thron Dänemarks der junge König Christian VII.; vieles hat sich seitdem ereignet, vieles hat sich verändert, gewandelt. Seen und Sümpfe wurden zu saftigen Wiesen, Steppen zu bearbeiteten Feldern, und am westlichen Küstenstreifen Jütlands, geschützt durch die Mauern bäuerlicher Hütten, gediehen Äpfel und Rosen. Doch muss man sie mit den Augen suchen: so geschickt verstecken sie sich vor dem scharfen Westwind. Und dennoch lässt sich hier, an dieser Küste, der Gedanke leicht noch in Zeiten versetzen, die ferneres liegen als die Regierungszeit Christians VII.: In Jütland breitet sich noch heute, wie einst, die unabsehbare braune Steppe aus, die Heimat der Luftspiegelungen, übersät mit Grabhügeln, durchzogen von sich kreuzenden, buckligen Sandwegen. Im Westen dagegen, wo große Flüsse in Buchten münden, dehnen sich nach wie vor Wiesen und Sümpfe aus, vom Meer her geschützt durch hohe Dünen. Gezackte Gipfel der Dünen ziehen sich entlang der Küste hin, gleich einer Gebirgskette, die an manchen Stellen durch lehmige Abhänge unterbrochen wird; das Meer nagt Jahr um Jahr Stück für Stück an ihnen, sodass Vorsprünge und Hügel schließlich einstürzen, gleichsam durch ein Erdbeben. So war Jütland auch in jenen Zeiten, als das glückliche Paar auf dem reichen Schiff dahinfuhr.

Der September ging zu Ende; das Wetter war sonnig; es war Sonntag; Glockenklänge jagten einander, getragen entlang der Küste des Nissumfjords. Die Kirchen selbst glichen behauenen Steinblöcken – jede war aus einem Felsbrocken gehauen. Das Meer rollte seine Wellen über sie hinweg, und sie standen einfach da und blieben stehen. Die meisten hatten keinen Glockenturm; die Glocken, zwischen zwei Pfeilern befestigt, hingen unter freiem Himmel.

Der Gottesdienst in der Kirche war beendet, und das Volk strömte auf den Friedhof, auf dem damals wie heute kein Bäumchen, kein Strauch, keine Blume und nicht einmal ein Kranz auf den Gräbern zu sehen war. Nur kleine Hügel bezeichneten die Stellen, wo die Verstorbenen ruhten; der gesamte Friedhof war mit scharfem, hartem Gras bewachsen; der Wind peitschte es nur so. An einigen Stellen auf

Auf den Gräbern fanden sich auch Denkmäler, das heißt halbverrottete Baumstammstücke, die in Form eines Sarges zugehauen waren. Diese Bruchstücke lieferte der Küstenwald – ein wildes Meer. Im Meer wachsen für den Küstenbewohner fertige Balken und Bretter und Bäume; an Land bringt sie die Brandung. Doch Wind und Seenebel lassen sie bald verfaulen.

Ein solches Bruchstück lag auch auf dem Kindergrab, zu dem eine der Frauen ging, die aus der Kirche gekommen waren.

Sie stand schweigend da, den Blick auf das halbvermoderte Holzstück gerichtet. Wenig später gesellte sich ihr Mann zu ihr. Sie wechselten kein Wort, er nahm ihre Hand, und sie gingen über die braune Steppe und das Moor zu den Dünen. Lange gingen sie schweigend, endlich sprach der Mann:

— Gute Predigt heute! Hätten wir nicht unseren Herrn, so hätten wir nichts!

— Ja, — antwortete die Frau, — Er sendet uns Freuden, Er sendet uns auch Leid! Und Er hat immer recht... Heute wäre unser Junge fünf Jahre alt geworden, lebte er noch.

— Wahrlich, du grämst dich unnötig! — sagte der Mann. — Er ist glücklich entronnen und befindet sich nun dort, wohin auch wir uns bei Gott sehnen müssen.

Mehr sprachen sie nicht und wandten sich ihrem Haus zu. Plötzlich erhob sich über einer der Dünen, auf deren Sand keine Pflanze Halt gefunden hatte, gleichsam eine Rauchsäule: ein starker Wirbel wind wühlte den feinen Sand auf und wirbelte ihn empor. Dann fegte ein neuer Windstoß heran, und die zum Trocknen an Leinen hängenden Fische trommelten gegen die Hauswände; danach wurde wieder alles still; die Sonne brannte nur so herunter.

Mann und Frau traten in ihre Hütte, warfen hastig ihre Festkleider ab und eilten wieder hinaus zu den Dünen, die sich am Ufer erhoben wie ungeheure, plötzlich in ihrem Lauf erstarrte Sandwellen. Eine gewisse Vielfalt der Farben brachten die auf dem weißen Sand wachsenden bläulich-grünen, spitzen Halme des Strandhafers und des Strandgrases. Am Ufer versammelten sich noch einige Nachbarn, und die Männer zogen gemeinsam die Boote höher auf den Sand. Der Wind wurde immer stärker, schärfer und kälter, und als Mann und Frau den Rückweg nach Hause antraten, flogen ihnen Sand und scharfe Kieselsteine gerade ins Gesicht. Starke Windböen schnitten die weißen Schaumkronen der Wellen ab und zerstäubten sie zu feinem Staub.

Es dämmerte; in der Luft heulte, pfiff und ächzte gleichsam eine ganze Legion verdammter Geister; Mann und Frau hörten nicht einmal das Grollen des Meeres, obwohl ihre Hütte fast direkt am Ufer stand. Der Sand flog nur so gegen die Fensterscheiben, die Windböen drohten zeitweise, die Hütte selbst umzuwerfen. Es dunkelte, doch gegen Mitternacht sollte der Mond hervorblicken.

Der Himmel klarte auf, aber der Sturm wütete auf dem Meer mit unverminderter Kraft. Mann und Frau hatten sich längst zur Ruhe gelegt, doch an Schlaf war bei solchem Unwetter nicht zu denken; plötzlich klopfte es ans Fenster, die Tür öffnete sich einen Spalt, und jemand sagte:

— Auf dem äußersten Riff liegt ein großes Schiff!

Im Nu sprangen Mann und Frau auf und kleideten sich an.

Der Mond schien ziemlich hell, doch der tobende Sandwirbel blendete die Augen. Der Wind wehte so stark, dass man sich ihm hätte hinlegen können; nur mit größter Mühe, kaum kriechend, indem man die Pausen zwischen den Orkanböen nutzte, konnte man die Dünen überqueren. Vom Meer her flog salziger Schaum wie Schwannenflaum an Land; das Meer rollte mit Lärm und Getöse seine siedenden Wogen heran. Man brauchte ein geübtes Auge, um sofort ein Schiff im Meer zu erkennen. Es war ein prächtiges Zweimasterschiff; es wurde über die Riffe hinweg ans Ufer getrieben, doch auf dem letzten setzte es fest.

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Dem Schiff oder der Besatzung Hilfe zu leisten, daran war nicht zu denken – das Meer war zu sehr aufgepeitscht, die Wellen peitschten erbarmungslos gegen den Schiffsrumpf und schlugen über ihm zusammen... Den Fischern däuchten Schreie und verzweifelte Klagen zu sein; man sah, wie die Menschen an Bord hilflos und ratlos umherliefen... Da erhob sich eine riesige Woge und stürzte auf den Bugspriet. Ein Augenblick – und der Bugspriet war verschwunden; das Heck hob sich hoch aus dem Wasser, und in diesem Moment sprangen zwei sich umarmende menschliche Gestalten hinab, sprangen und verschwanden in den Wellen... Noch ein Augenblick, und – eine gewaltige Woge schleuderte einen Körper auf die Dünen... eine junge Frau, anscheinend leblos. Einige Fischerfrauen umringten sie, und es schien ihnen, als zeige sie noch Lebenszeichen. Sofort trugen sie sie in die nächste Hütte. Wie schön und zart war das arme Ding! Gewiss eine vornehme Dame!

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Man bettete sie auf ein ärmliches Lager, ohne jegliche Bettwäsche, nur mit einer wollenen Decke zugedeckt, doch gerade darin sollte die Fremde eingehüllt werden – was könnte wärmer sein!

Es gelang, sie ins Leben zurückzurufen, doch sie fieberte und war sich nichts bewusst: weder dessen, was geschehen war, noch wohin sie geraten war. Und Gott sei Dank: alles, was ihr im Leben teuer gewesen, lag nun auf dem Meeresgrund. Alles geschah wie in dem Lied „vom englischen Königssohn":

Schrecklicher konnte der Anblick nicht sein:

Das Schiff zerschellte am Riff wie Glas.

Das Meer warf Trümmer des Schiffes an Land, von den Menschen jedoch überlebte nur eine junge Frau. Der Wind heulte noch immer, doch in der Hütte kehrte für einige Augenblicke Stille ein: die junge Frau fiel in Ohnmacht; dann begannen Schmerzen und Schreie, sie öffnete ihre wunderbaren Augen und sagte etwas, doch niemand verstand ein einziges Wort.

Und siehe, als Lohn für all das von ihr erduldete Leid fand sich in ihren Armen ein neugeborenes Kind. Ihn erwartete eine prächtige Wiege mit seidenem Baldachin, eine luxuriöse Wohnung, Jubel, Entzücken und ein Leben, reich an allen irdischen Gütern, doch Gott fügte es anders: ihm war beschieden, in einer armen Hütte geboren zu werden, und sogar den Kuss der Mutter sollte er nicht empfangen.

Die Frau des Fischers legte das Kind an die Brust der Mutter, und es ruhte nahe dem Herzen, das bereits aufgehört hatte zu schlagen – die Mutter war gestorben. Das Kind, das im Leben nur Reichtum, nur Glück hätte finden sollen, wurde vom Meer auf die Dünen geworfen, um Not und das Los eines Armen zu erfahren.

Ein spanisches Schiff war etwas südlich von Nissumfjord zerbrochen. Die grausamen, unmenschlichen Zeiten, da die Küstenbewohner vom Plündern schiffbrüchiger Fahrzeuge lebten, waren längst vorbei. Jetzt begegneten die Unglücklichen hier liebevoller, herzlicher Anteilnahme und großer Bereitschaft zur Hilfe. Unsere Zeit kann sich wahrhaft edler Charakterzüge rühmen! Die sterbende Mutter und das unglückliche Kind hätten in jedem Häuschen am Ufer Obhut und Pflege gefunden, doch nirgends wäre man ihnen teilnahmsvoller, herzlicher begegnet als gerade in dem, in das sie geraten waren: bei der armen Fischerfrau, die gestern so traurig am Grab ihres Kindes gestanden hatte, das an diesem Tag fünf Jahre alt geworden wäre.

Niemand wusste, wer die verstorbene Frau war oder woher sie kam. Die Schiffstrümmer schwiegen.

In Spanien, im Haus eines reichen Kaufmanns, wartete man vergebens auf einen Brief oder eine Nachricht über die Tochter oder den Schwiegersohn. Man erfuhr nur, dass sie ihr Ziel nicht erreicht hatten und dass in den letzten Wochen auf dem Meer furchtbare Stürme gewütet hatten. Man wartete Monate, endlich kam die Kunde: „Völliger Untergang; alle umgekommen."

Doch in der Fischerhütte auf den Dünen erschien ein neuer Bewohner.

Dort, wo Gott Speise für zwei sendet, reicht es auch für einen dritten: am Meeresufer gibt es genug Fisch für einen hungrigen Magen. Den Jungen nannte man Jørgen.

— Das ist gewiss ein jüdisches Kind! — sagte man über ihn. — Schau nur, wie schwarz er ist!

— Vielleicht ist er Spanier oder Italiener! — meinte der Priester. Doch alle drei Volksgruppen galten in den Augen der Fischerfrau als ein und dasselbe, und sie tröstete sich damit, dass das Kind getauft war. Das Kind wuchs heran; edles Blut wurde mit armseliger Kost genährt; der Spross eines edlen Geschlechts wuchs in einer armen Hütte auf. Die dänische Sprache, der westjütische Dialekt, wurde seine Muttersprache. Ein Granatapfelkern vom spanischen Boden wuchs am Westküste Jütlands zu einem Sandkorn heran. So kann sich der Mensch anpassen! Er verwuchs mit seiner neuen Heimat durch alle seine Lebenswurzeln. Ihm war beschieden, Hunger und Kälte und andere Widrigkeiten zu erfahren, doch auch die Freuden, die dem Armen zuteilwerden.

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Jedes Menschenkindheit hat ihre Freuden, die einen hellen Glanz auf das ganze Leben werfen. An Spielen und Vergnügungen fehlte es Jørgen nicht. Am Meeresstrand gab es reichlich Raum zum Spielen: der ganze Strand war übersät mit Spielzeug, gleichsam mosaikartig ausgelegt mit bunten Kieselsteinen. Da fanden sich rote wie Korallen, gelbe wie Bernstein, und weiße, rundliche wie Vogeleier, kurzum allerlei kleine, vom Meer geglättete und polierte Steinchen. Getrocknete Fischgerippe, trockene Algen und andere Meerespflanzen, die am Strand weiß schimmerten und die Steine wie Bänder umschlangen, dienten ebenfalls als Spielzeug, als Augenschmaus, als Nahrung für den Geist. Jørgen war ein fähiger Knabe, reich begabt. Wie gut merkte er sich verschiedene Geschichten und Lieder! Und was für Hände er hatte, geradezu goldene! Aus Steinen und

Aus Muscheln bastelte er Schiffchen und Bilder zur Schmückung der Wände. Der Junge konnte, nach den Worten seiner Adoptivmutter, seine Gedanken durch Schnitzereien auf einem Stück Holz ausdrücken, und er war noch so klein. Wie wunderbar klang seine Stimme; die Melodien strömten ganz von selbst aus seiner Kehle. Ja, viele Saiten waren in seiner Seele gespannt: sie hätten die ganze Welt zum Erklingen bringen können, wäre sein Schicksal anders verlaufen, hätte es ihn nicht in dieses abgelegene Fischerdorf verschlagen.

Einmal zerbrach in der Nähe ein Schiff, und die Wellen warfen eine Kiste mit seltenen Blumenzwiebeln an den Strand. Einige davon wurden zu Brei zerstampft – die Fischer hielten sie für essbar –, andere blieben im Sand verrotten. Ihnen war es nicht beschieden, ihre Bestimmung zu erfüllen – nämlich die ganze in ihnen verborgene Pracht der Farben dem Blick zu entfalten. Wird Jørgen glücklicher sein? Die Zwiebeln gingen bald zugrunde, ihn aber erwarteten lange Jahre der Prüfung.

Weder ihm noch irgendjemand anderem in seiner Umgebung kam jemals der Gedanke, dass die Tage hier langweilig und eintönig dahinzogen: hier gab es genug Arbeit für Hände, Augen und Ohren. Das Meer war ein riesiges Lehrbuch und schlug jeden Tag eine neue Seite auf, machte die Küstenbewohner bald mit der Windstille vertraut, bald mit leichter Bewegung, bald mit Wind und Sturm. Schiffbrüche waren große Ereignisse, und Kirchenbesuche waren wahre Feste. Unter den Besuchen von Verwandten und Bekannten bereitete besonders die Ankunft des Onkels, des Aalhändlers aus Fjältring nahe Bovbjerg, der Fischerfamilie besondere Freude. Er kam zweimal im Jahr mit einem bemalten Karren voller Aale; der Karren stellte eine Kiste mit Deckel dar und war auf rotem Grund mit blauen und weißen Tulpen bemalt; gezogen wurde er von einem Paar grauer Ochsen. Jørgen durfte mit ihnen fahren.

Der Aalhändler war ein Witzbold, ein Frohnatur und brachte immer ein Fässchen Branntwein mit. Jeder bekam ein volles Gläschen oder eine Kaffeetasse, wenn die Gläser nicht reichten; sogar Jørgen erhielt, so klein er auch war, eine Portion von der Größe eines guten Fingerhuts. Man müsse doch trinken, um den fetten Aal im Magen zu behalten, sagte der Händler und erzählte dabei jedes Mal dieselbe Geschichte; und wenn die Zuhörer lachten, erzählte er sie von vorn. Solche Schwäche haben geschwätzige Menschen! Und da Jørgen selbst sich oft, sowohl in seiner Jugend als auch im reiferen Alter, von dieser Geschichte leiten ließ, müssen auch wir sie kennenlernen.

Im Fluss schwammen Aale; die Töchter baten alle die Mutter, hinaus in die Freiheit zu dürfen, den Fluss hinaufzuziehen, doch die Mutter sprach zu ihnen: „Geht nicht zu weit! Sonst kommt der hässliche Fischer und ersticht euch alle!" Doch sie gingen trotzdem zu weit, und von acht Töchtern kehrten nur drei zur Mutter zurück. Sie begannen zu klagen: „Wir waren kaum ein wenig aus dem Haus gegangen, da erschien der hässliche Fischer und erstach unsere Schwestern mit seinem Dreizack zu Tode!" – „Nun, sie werden noch zu uns zurückkehren!", sagte die Mutter. „Nein!", antworteten die Töchter, „er hat ihnen ja die Haut abgezogen, sie in Stücke geschnitten und gebraten!" – „Sie werden zurückkehren!", wiederholte die Mutter. „Aber er hat sie doch gegessen!" – „Sie werden zurückkehren!" – „Er hat sie mit Branntwein hinuntergespült!", sagten die Töchter. „Ach! Ach! Dann kehren sie niemals zurück!", heulte die Mutter auf. „Branntwein begräbt die Aale!"

„Deshalb soll man dieses Gericht stets mit Branntwein hinunterspülen!", fügte der Händler hinzu.

Diese Geschichte zog sich wie ein roter Faden durch Jørgens ganzes Leben und lieferte reichlich Stoff für lustige Witze, Sprichwörter und Vergleiche. Und Jørgen verspürte zeitweise ein starkes Verlangen, aus dem Haus hinauszuschauen, in der weiten Welt umherzuwandern, doch seine Mutter sagte, ebenso wie die Aalmutter: „Auf der Welt gibt es viele böse Menschen-Fischer!" Nun, in der Heide unweit der Dünen durfte man sich jedoch aufhalten, und er tat es. Vier fröhliche Tage erhellten seine gesamte Kindheit; in ihnen spiegelte sich für ihn die ganze Schönheit Jütlands, die ganze Freude und das Glück der Heimat wider. Jørgens Eltern waren zu einem Festmahl eingeladen worden – allerdings zu einem Leichenmahl.

Einer ihrer wohlhabenden Verwandten war gestorben. Er hatte in der Heide gelebt, nordöstlich vom Fischerdorf. Die Eltern nahmen Jørgen mit. Nachdem sie die Dünen, die Heide und das Moor passiert hatten, führte der Weg über eine grüne Wiese, wo sich der Fluss Skærum seinen Weg bahnt, reich an Aalen. Dort lebte eben die Aalmutter mit ihren Töchtern, welche von bösen Menschen getötet, gehäutet und in Stücke geschnitten worden waren. Doch oft handelten die Menschen nicht besser gegenüber ihresgleichen. So wurde auch Ritter Bugge, von dem in einem alten Lied die Rede ist, von bösen Menschen ermordet, obwohl er selbst, so gut er auch war, vorhatte, den Baumeister zu töten, der ihm eine dickwandige Burg mit Türmen errichtet hatte. Diese Burg stand genau an jenem Ort, an dem nun Jørgen mit seinen Eltern haltmachte, bei der Mündung des Flusses Skærum in den Nissum Fjord. Die Wälle waren noch sichtbar, darauf die Überreste gemauerter Wände. Ritter Bugge, als er seinen Diener hinter dem entflohenen Baumeister herschickte, sagte: „Hol ihn ein und sage ihm: 'Meister, der Turm stürzt!' Wenn er sich umdreht, hau ihm den Kopf ab und nimm das Geld, das er von mir erhalten hat; wenn er sich nicht umdreht, lass ihn in Frieden ziehen."

Der Diener holte den Baumeister ein und sagte, was ihm aufgetragen war, doch jener antwortete, ohne sich umzudrehen: „Der Turm stürzt noch nicht, aber einst wird ein Mann in blauem Mantel aus dem Westen kommen und ihn zum Einsturz bringen." Genau so geschah es hundert Jahre später: das Meer überschwemmte das Land, und der Turm stürzte ein, doch der Besitzer der Burg, Predbjørn Gyldenstierne, baute sich eine neue, noch höhere als die vorige; sie steht bis heute in Nord-Vosborg.

An dieser letzten mussten sie ebenfalls vorbeikommen. All diese Orte waren Jørgen längst durch Erzählungen vertraut, die ihm die langen Winterabende versüßt hatten, und nun sah er selbst den Hof, umgeben von doppelten Gräben, Bäumen und Sträuchern, sowie den mit Farn bewachsenen Wall. Am schönsten aber waren hier die hohen Linden, deren Gipfel bis ans Dach reichten und die Luft mit süßem Duft erfüllten. In der nordwestlichen Ecke des Gartens wuchs ein großer Strauch, überschüttet mit Blüten wie Schnee. Es war ein Holunderbusch, der erste blühende Holunder, den Jørgen sah. Und er sowie die blühenden Linden prägten sich für sein ganzes Leben in sein Gedächtnis ein; das Kind sammelte Vorrat für das Alter an Erinnerungen an die Schönheit und den Duft der Heimat.

Den restlichen Teil der Reise legten sie viel schneller und bequemer zurück: gerade bei Nord-Vosborg, wo der Holunder blühte, holten andere Gäste, die zum Festmahl fuhren und in einem Wagen saßen, Jørgen und seine Eltern ein und boten an, sie mitzunehmen. Natürlich mussten alle drei hinten Platz nehmen, auf einer mit Eisen beschlagenen Holzkiste, doch für sie war dies immerhin besser, als zu Fuß zu gehen. Der Weg führte durch die bucklige Heide; die Ochsen, die den Wagen zogen, blieben von Zeit zu Zeit stehen, wenn sie zwischen dem Heidekraut ein Fleckchen frisch gewachsenen Grases entdeckten; die Sonne brannte heiß, und über der Heide kräuselte sich ein seltsamer Dunst. Er wand sich in Wolken und war zugleich durchsichtiger als die Luft selbst; es schien, als ballten und tanzten die Sonnenstrahlen über der Heide.

„Das ist 'Lokemann', der seine Schafherde treibt!", sagte man zu Jørgen, und ihm genügte das: er versetzte sich sogleich ins Märchenland, verlor dabei jedoch die umgebende Wirklichkeit nicht aus den Augen. Welche Stille herrschte in der Heide!

Nach allen Seiten hin breitete sich die unabsehbare Heide aus, gleich einem kostbaren Teppich; das Heidekraut blühte; zypressengrüner Wacholder und frische Eichenschösslinge schauten daraus wie Blumensträuße hervor. Man hätte sich nur zu gern auf diesen Teppich geworfen, um darin zu wälzen – wären da nicht die vielen giftigen Ottern gewesen! ... Von ihnen und von den Wölfen kam dann die Sprache; letztere gab es hier früher in solcher Menge, dass die ganze Gegend Wolfsland genannt wurde. Der alte Fuhrmann erzählte, dass in alter Zeit, als sein verstorbener Vater noch lebte, die Pferde sich oft grausam gegen die blutgierigen Bestien zur Wehr setzen mussten, und einmal morgens sei er selbst auf ein Pferd gestoßen, das einen von ihm getöteten Wolf unter seinen Hufen hatte, doch dessen Beine waren ringsum zerfressen gewesen.

Allzu schnell für den Jungen durchquerten sie die bucklige Heide und die tiefen Sande und gelangten zum Haus, das voll von Gästen war. Die Wagen drängten sich aneinander; Pferde und Ochsen zupften am dürftigen Gras. Hinter dem Hof erhoben sich sandige Dünen, ebenso hoch und gewaltig wie in Jørgens heimischem Dorf. Wie waren sie nur vom Strand hierher gelangt, wo es doch drei Meilen entfernt ist? Der Wind hob sie auf und trug sie fort; sie haben ihre eigene Geschichte.

Psalmgesänge wurden angestimmt, zwei oder drei alte Männlein und Fräulein vergossen Tränen, doch nach Jørgens Meinung war es sehr fröhlich: man aß und trank nach Herzenslust. Man servierte fette Aale, und diese musste man mit Branntwein hinunterspülen. „Er hält die Aale fest!", pflegte der alte Händler zu sagen, und hier hielt man sich fest an seine Worte. Jørgen flitzte überall herum und fühlte sich am dritten Tag dort ganz wie zu Hause. Doch hier in der Heide war es ganz anders als in ihrem Fischerdorf auf den Dünen: die Heide wimmelte nur so von Blümchen und Turteltauben;

Große, süße Beeren wurden direkt mit Füßen zertrampelt, und das Heidekraut wurde mit rotem Saft getränkt.

Hier und dort erhoben sich Grabhügel; in der stillen Luft kräuselte sich Rauch; irgendwo brennt die Steppe – sagte man Jürgen. Am Abend aber stieg über der Steppe ein Feuerschein auf – das war schön!

Am vierten Tag endeten die Totenfeiern, es war Zeit, heimzukehren, zu den Dünen am Meer.

– Unsere sind echt, – sagte der Vater, – aber in diesen steckt keine Kraft.

Man kam ins Gespräch darüber, wie sie hierher, ins Landesinnere, gelangt waren. Ganz einfach. Am Ufer fand man eine Leiche; die Bauern begruben sie auf dem Friedhof, und unmittelbar danach begann ein schrecklicher Sturm, der Sand trieb ins Landesinnere, das Meer drängte wild an das Ufer. Da riet ein kluger Mann, das Grab zu öffnen und nachzusehen, ob der Verstorbene seinen Daumen lutsche. Wenn ja, dann sei es ein Wassermann, und das Meer fordere ihn zurück. Das Grab wurde geöffnet: der Verstorbene lutschte den Daumen; sofort lud man ihn auf einen Wagen, spannte zwei Ochsen davor, und diese jagten, als wären sie gestochen, durch Steppe und Moor direkt ins Meer. Der Sandsturm legte sich, doch die Dünen blieben so stehen, wie sie hineingeweht worden waren, mitten im Landesinnern. Jürgen hörte zu und bewahrte all diese Erzählungen in seinem Gedächtnis zusammen mit den Erinnerungen an die glücklichsten Tage seiner Kindheit, an die Totenfeiern.

Ja, das ist etwas anderes: aus dem Haus ausbrechen, neue Orte und neue Menschen sehen! Und Jürgen sollte tatsächlich wieder ausbrechen. Noch nicht einmal vierzehn Jahre alt, hatte er sich bereits auf einem Schiff verdungen und war in die weite Welt hinausgezogen. Er lernte Wetter und Meer kennen und böse, grausame Menschen! Nicht umsonst war er Schiffsjunge! Karge Kost, kalte Nächte, Peitsche und Fäuste – alles musste er kosten. Da konnte einem wohl manchmal das edle spanische Blut aufwallen; heiße Worte drängten sich auf die Zunge, doch klüger war es, sie zurückzuhalten, und für Jürgen war das dasselbe, wie wenn sich ein Aal häuten und in die Pfanne legen ließe.

– Nun, ich werde mir mein Recht nehmen! – sagte er zu sich selbst.

Es fügte sich, dass er die spanische Küste sah, die Heimat seiner Eltern, sogar jene Stadt, in der sie in Glück und Überfluss gelebt hatten, doch er wusste nichts von seiner Heimat noch von seiner Familie, und die Familie noch weniger von ihm.

Dem Jungen wurde nicht einmal erlaubt, an Land zu gehen, und er betrat es zum ersten Mal erst am letzten Tag des Aufenthalts: man musste einige Vorräte einkaufen, und man nahm ihn zur Hilfe mit.

Und so befand sich Jürgen, gekleidet in ein jämmerliches Gewand, als wäre es in einer Jauchegrube gewaschen und im Schornstein getrocknet worden, plötzlich in der Stadt. Er, gebürtig von den Dünen, sah zum ersten Mal eine große Stadt. Welche hoch aufragenden Häuser, welche engen Gassen, wie viele Menschen! Scharen eilten hin und her; durch die Straßen schien ein lebendiger Fluss zu strömen: Bürger, Bauern, Mönche, Soldaten... Geschrei, Lärm, Getöse, Klingeln von Glöckchen an Eseln und Maultieren, Läuten der Kirchenglocken, Gesang und Geklapper, Gepolter und Gedröhne: Handwerker arbeiteten auf den Haustüren oder gar direkt auf den Bürgersteigen. Die Sonne brannte erbarmungslos, die Luft war schwer und stickig; Jürgen kam es vor, als befände er sich in einem glühenden Ofen, vollgestopft mit summenden und brummenden Mist- und Maikäfern, Bienen und Fliegen; ihm drehte sich der Kopf. Plötzlich sah er vor sich das majestätische Portal einer Kathedrale; im Halbdunkel unter den Gewölben flackerten Kerzen, Weihrauch qualmte. Selbst der ärmste Bettler hatte das Recht, die Kirche zu betreten; der Matrose, mit dem Jürgen geschickt worden war, steuerte genau dorthin; Jürgen folgte ihm. Strahlende Ikonen leuchteten auf goldenem Grund. Auf dem Altar, umgeben von Blumen und brennenden Kerzen, thronte die Gottesmutter mit dem Jesuskind. Priester in prächtigen Gewändern sangen, und hübsche, festlich gekleidete Knaben schwängerten Weihrauchfass. All diese Schönheit und Pracht machten auf Jürgen einen tiefen Eindruck; der Glaube und die Religion seiner Eltern berührten die verborgensten Saiten seiner Seele; Tränen traten ihm in die Augen.

Von der Kirche gingen sie zum Markt, kauften die nötigen Vorräte ein, und Jürgen musste einen Teil davon tragen. Der Weg war weit, er wurde müde und hielt an, um vor einem großen, prächtigen Haus mit Marmorsäulen, Statuen und breiten Treppen auszuruhen. Jürgen lehnte seine Last an die Wand, doch erschien ein goldbestickter Pförtner in Livree, hob einen Stock mit silbernem Knauf gegen ihn und jagte ihn fort – ihn, den Enkel des Hausherrn! Doch niemand wusste dies; Jürgen selbst am wenigsten.

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Das Schiff legte ab; wieder zog dasselbe Leben vorbei: Stöße, Flüche, Schlafmangel, harte Arbeit... Nun, es schadet nicht, alles einmal zu kosten! Das soll ja gut sein – in der Jugend eine harte Schule durchlaufen. Gut ist es schon – wenn danach ein glückliches Alter wartet!

Die Reise endete, das Schiff ankerte wieder im Ringkøbing Fjord, und Jürgen kehrte heim, in das Fischerdorf, doch während er in der Welt umherzog, war seine Pflegemutter gestorben.

Ein harter Winter brach herein. Auf Meer und Land tobten Schneestürme; es war wahrhaftig ein Unglück, sich durch die Steppe zu kämpfen. Wie sehr unterscheiden sich doch die verschiedenen Länder voneinander: hier eisige Kälte und Schneetreiben,而在 Spanien schreckliche Hitze! Dennoch, als er an einem klaren, frostigen Tag einen großen Schwanenschwarm sah, der vom Meer Richtung Nord-Vosborg flog, empfand Jürgen, dass es sich hier doch leichter atmen ließ, dass man hier wenigstens die Reize des Sommers genießen konnte. Und er stellte sich im Geiste die Steppe vor, ganz in Blüten, übersät mit reifen, saftigen Beeren, und die blühenden Linden bei Nord-Vosborg... Ach, man muss wieder dorthin!

Der Frühling nahte, der Fischfang begann, Jürgen half seinem Vater. Er war im letzten Jahr stark gewachsen, und die Arbeit ging ihm gut von der Hand. Das Leben sprudelte nur so in ihm; er konnte schwimmen, sowohl sitzend als auch stehend, ja sogar Saltos im Wasser schlagen, und man riet ihm oft, sich vor Makrelen in Acht zu nehmen – sie schwärmen in Schulen und greifen die besten Schwimmer an, ziehen sie unter Wasser und verschlingen sie. Das wäre dann das Ende! Doch das Schicksal bereitete Jürgen etwas anderes vor.

Bei den Nachbarn gab es einen Sohn namens Morten; Jürgen freundete sich mit ihm an, und beide verdangen sich auf ein und dasselbe Schiff, das nach Norwegen segeln sollte, danach nach Holland. Ernstlich zu streiten hatten sie eigentlich keinen Grund, doch was geschieht nicht alles! Bei hitzigen Naturen jucken die Hände nun einmal so sehr; so geschah es auch einmal mit Jürgen, als er sich mit Morten wegen irgendeiner Kleinigkeit zankte. Sie saßen in einer Ecke hinter der Kapitänskajüte und aßen aus einer irdenen Schüssel; Jürgen hielt ein Messer in der Hand und holte damit gegen seinen Kameraden aus, wobei er bleich wurde und wild mit den Augen funkelte. Morten jedoch sagte nur:

– Also bist du einer von denen, die bereit sind, das Messer zu gebrauchen?

In derselben Minute sank Jürgens Hand; schweigend aß er sein Mahl zu Ende und machte sich wieder an seine Arbeit. Nach Abschluss der Arbeiten trat er auf Morten zu und sagte: „Schlag mich ins Gesicht – ich habe es verdient! In mir brodelt es wirklich ständig über, genau wie in einem Topf mit kochendem Wasser!"

– Na gut, vergessen wir es! – antwortete Morten, und von da an wurde ihre Freundschaft fast doppelt so fest. Zurückgekehrt nach Hause, nach Jütland, zu den Dünen, erzählten sie vom Leben auf See, erzählten auch von diesem Vorfall. Ja, das Blut in Jürgen brodelte über, dennoch war er ein guter, zuverlässiger „Topf".

– Nur kein „jütischer" – einen Jüten kann man ihn nicht nennen! – witzelte Morten. (Sogenanntes „jütisches Geschirr", hergestellt aus dunklem Ton und ausgezeichnet durch Feuerfestigkeit und Haltbarkeit. – Anm. d. Übers.)

Beide waren jung und gesund; beide – Burschen von stattlicher Größe und kräftigem Wuchs, doch Jürgen zeichnete sich durch größere Gewandtheit aus.

Im Norden, in Norweien, hüten die Bauern ihre Herden auf den Bergen, wo es besondere Hirtenhütten gibt, während an der Westküste Jütlands auf den Dünen Hütten für Fischer errichtet sind; sie sind aus Schiffswracks gezimmert und mit Torf und Heidekraut gedeckt; entlang der Innenwände verlaufen Schlafpritschen. Jeder Fischer hat sein eigenes Mädchen als Gehilfin; ihre Aufgaben bestehen darin, Köder an die Haken zu stecken, den Herrn, der vom Fang zurückkehrt, mit warmem Bier zu empfangen, ihm Essen zu bereiten, den gefangenen Fisch aus den Booten zu ziehen, ihn auszunehmen und so weiter.

Jürgen, sein Vater und noch einige Fischer mit ihren Gehilfinnen wohnten in einer Hütte zusammen. Morten lebte in der nächstgelegenen.

Unter den Mädchen war eine namens Elsa, die Jürgen seit seiner Kindheit kannte. Beide waren sehr gut befreundet; in ihrem Wesen hatten sie vieles gemeinsam, doch äußerlich unterschieden sie sich stark: er war ein dunkler Brünetter, während sie hellhäutig war; ihr Haar war gelb wie Flachs, und ihre Augen hellblau wie das sonnenbeschienene Meer.

Eines Tages gingen sie nebeneinander; Jürgen hielt ihre Hand in der seinen und drückte sie fest. Plötzlich sagte Elsa zu ihm:

– Jürgen, ich habe etwas auf dem Herzen! Lieber würde ich bei dir arbeiten – du bist mir ohnehin wie ein Bruder, während Morten, bei dem ich mich verdungen habe, mein Verlobter ist. Man darf nur nichts davon anderen erzählen!

Der Sand schien unter Jürgens Füßen zu wanken,

aber er sagte kein Wort, nickte nur mit dem Kopf: einverstanden also. Mehr wurde von ihm auch nicht verlangt. Doch er selbst empfand in derselben Minute, dass er Morten aus ganzem Herzen hasste. Je mehr er über das Geschehene nachdachte – und früher hatte er nie so viel über Else nachgedacht –, desto klarer wurde ihm, dass Morten ihm die Liebe des einzigen Mädchens gestohlen hatte, das ihm gefiel, nämlich die von Else; so sah es nun also aus!

Man muss sehen, wie Fischer bei frischem Wetter über die Wellen hinweg durch die Riffe getragen werden. Einer der Fischer steht am Bug, und die Ruderer lassen ihn nicht aus den Augen, warten auf das Zeichen, die Riemen einzulegen und sich der herannahenden Welle zu überlassen, die das Boot über das Riff tragen soll. Zuerst hebt die Welle das Boot so hoch, dass man vom Ufer aus den Kiel sieht; eine Minute später verschwindet es in den Wellen; weder das Boot selbst ist zu sehen noch die Menschen, noch der Mast; das Meer scheint alles verschlungen zu haben… Doch noch eine Minute, und das Boot taucht wieder auf der anderen Seite des Riffs auf, gleich einem aus dem Wasser emporgestiegenen Meeresungeheuer; die Riemen bewegen sich schnell – ganz wie die Beine eines Tieres. Vor dem zweiten, vor dem dritten Riff wiederholt sich dasselbe; dann springen die Fischer ins Wasser und ziehen das Boot an Land; die Schläge der Wellen helfen ihnen, schieben es von hinten voran.

Das Zeichen nicht rechtzeitig geben, sich um eine Minute irren, und – das Boot zerschellt am Riff.

»Dann wäre es aus mit mir und mit Morten!« Dieser Gedanke schoss Jürgen durch den Kopf, als sie auf dem Meer waren. Sein Vater war plötzlich schwer erkrankt, das Fieber schüttelte ihn heftig; meanwhile näherte sich das Boot dem letzten Riff;

Jürgen sprang auf und rief:

– Vater, lass mich lieber! – und sein Blick glitt von Mortens Gesicht hinüber zu den Wellen.

Da naht eine riesige Welle… Jürgen blickte auf das bleiche Gesicht seines Vaters und – konnte die böse Absicht nicht ausführen. Das Boot entkam glücklich dem Riff und erreichte das Ufer, doch der böse Gedanke saß fest in Jürgens Kopf; sein Blut kochte; allerlei Splitter und Fasern stiegen vom Grund seiner Seele empor, die sich während seiner Freundschaft mit Morten dort angesammelt hatten, doch er vermochte keinen ganzen Faden daraus zu spinnen, an dem er sich hätte festhalten können, und so begann er vorerst nichts. Ja, Morten hatte ihm das Leben verdorben, das fühlte er!

Wie sollte er ihn da nicht hassen? Einige der Fischer bemerkten diesen Hass, doch Morten selbst merkte nichts davon und blieb derselbe gute Kamerad und gesprächige Bursche – vielleicht sogar allzu gesprächig.

Und Jürgens Vater musste sich niederlegen; die Krankheit erwies sich als tödlich, und er starb eine Woche später. Jürgen erbte das Haus auf den Dünen, zwar klein, aber immerhin etwas, Morten besaß nicht einmal dies.

– Nun, jetzt wirst du nicht mehr als Matrose anheuern! Du bleibst für immer bei uns! – sagte einer der alten Fischer zu Jürgen.

Doch Jürgen hatte gerade andere Pläne – ihm lag именно daran, in der weiten Welt herumzuziehen. Der Aalhändler hatte einen Onkel, der im Alten Skagen lebte; auch er betrieb Fischfang, war jedoch bereits ein wohlhabender Kaufmann und besaß ein eigenes Schiff. Er galt als freundlicher alter Herr; bei einem solchen lohnte es sich zu dienen. Das Alte Skagen liegt im äußersten Norden Jütlands, weit entfernt vom Fischerdorf und den Dünen, doch gerade dieser Umstand gefiel Jürgen besonders: er wollte nicht beim Hochzeitsfest von Else und Morten zugegen sein, und ihre Hochzeit sollte in etwa zwei Wochen stattfinden.

Der alte Fischer billigte Jürgens Vorhaben nicht – nun hatte er doch ein eigenes Haus, und Else würde sich gewiss eher auf seine Seite schlagen.

Jürgen antwortete darauf so abgerissen, dass es nicht leicht war, den Sinn seiner Worte zu erfassen, doch der Alte holte einfach Else zu ihm. Wenig sagte sie, doch immerhin sagte sie einiges:

– Du hast ein Haus… Ja, da muss man schon nachdenken!..

Und Jürgen dachte ernstlich nach.

Auf dem Meer gehen zornige Wellen, doch das menschliche Herz wird manchmal noch stärker bewegt; Leidenschaften überwältigen es. Viele Gedanken jagten durch Jürgens Kopf; schließlich fragte er Else:

– Wenn Morten ein solches Haus hätte, welchen von uns beiden würdest du wählen?

– Doch Morten hat kein Haus und wird keines haben!

– Nun, stell dir vor, er hätte eins.

– Nun, dann würde ich wohl Morten wählen – denn er ist mir lieb! Doch davon wird man nicht satt!

Jürgen grübelte die ganze Nacht darüber nach. Was ihn eigentlich antrieb, konnte er sich selbst nicht erklären, doch das unbewusste Verlangen erwies sich stärker als seine Liebe zu Else, und er folgte ihm – ging morgens zu Morten. Was Jürgen Morten bei ihrem Treffen sagte, war von ihm während der Nacht streng durchdacht worden: Er überließ dem Kameraden sein Haus unter den für diesen günstigsten Bedingungen und erklärte, er ziehe es vor, auf einem Schiff anzuheuern und fortzugehen. Als Else alles erfuhr, küsste sie Jürgen прямо auf die Lippen – denn Morten war ihr ja lieb.

Jürgen beabsichtigte, bereits am nächsten Morgen früh aufzubrechen. Doch abends, obwohl es schon spät war, kam ihm der Wunsch, Morten noch einmal zu besuchen. Er machte sich auf den Weg und traf unterwegs, auf den Dünen, den alten Fischer, der sein Vorhaben, wegzuziehen, missbilligte. »In Mortens Hosen ist wohl ein Entenschnabel eingenäht, dass die Mädchen so sehr zu ihm hingezogen sind!« sagte der Alte. Doch Jürgen unterbrach das Gespräch, verabschiedete sich und ging weiter zu Morten. Als er näher kam, hörte er im Haus laute Stimmen: jemand war bei Morten. Jürgen blieb unschlüssig stehen – er wollte Else durchaus nicht begegnen. Nachdem er es sich gut überlegt hatte, wollte er Mortens Dankesbezeugungen nicht noch einmal anhören und kehrte um.

Am Morgen, noch vor Sonnenaufgang, band er sein Bündel, nahm einen Korb mit Proviant mit und stieg von den Dünen hinab direkt ans Ufer; dort war es leichter zu gehen als durch den tiefen Sand, und außerdem kürzer: er wollte zunächst nach Fjältring zum Aalhändler gehen, da er ihm versprochen hatte, ihn zu besuchen.

Hellblau glänzte die Oberfläche des Meeres; das Ufer war übersät mit Muscheln und Schneckenhäusern; Spielzeuge, die ihn in seiner Kindheit ergötzt hatten, knisterten unter seinen Füßen. Plötzlich schoss ihm Blut aus der Nase – eine geringfügige Sache, doch auch solche Dinge können gelegentlich wichtige Bedeutung erlangen. Zwei oder drei große Tropfen fielen auf den Ärmel seines Hemdes. Er wischte sie weg, stillte das Blut und fühlte, dass ihm infolge des Nasenblutens sowohl im Kopf als auch im Herzen leichter wurde. Im Sand wuchs ein Büschel Seetang; er brach einen Zweig ab und steckte ihn in seinen Hut. »Mutig und fröhlich vorwärts! Die weite Welt ansehen, aus dem Haus hinausschauen, wie die Aale sagten. Hütet euch vor den Menschen! Sie sind böse, werden euch töten, zerlegen und in der Pfanne braten!« wiederholte er bei sich und lachte: »Nun, ich werde schon meine Haut zu bewahren wissen! Mut gewinnt Städte!«

Die Sonne stand bereits hoch, als er die schmale Meerenge erreichte, die das Westmeer mit dem Nissumfjord verbindet. Als er sich umblickte, sah er in der Ferne zwei Reiter und etwas weiter hinter ihnen noch mehrere Fußgänger; alle schienen es eilig zu haben. Nun, was ging ihn das an? Das Boot befand sich am anderen Ufer; Jürgen rief den Fährmann; sie legten ab, doch kaum hatten sie die Mitte der Meerenge erreicht, als die im vollen Galopp heranrasenden Reiter das Ufer erreichten und zu schreien begannen, indem sie Jürgen im Namen des Gesetzes befahlen, sofort zurückzukehren. Jürgen begriff nicht, was sie von ihm wollten, doch er hielt es für das Beste, zurückzukehren, ergriff selbst ein Ruder und ruderte zurück zum Ufer. Kaum hatte das Boot angelegt, sprangen die am Ufer versammelten Leute hinein und fesselten Jürgens Hände mit einem Strick; er konnte sich kaum besinnen.

– Warte! Für deine Untat wirst du mit dem Kopf büßen! – sagten sie. – Gut, dass wir dich erwischt haben!

Sie beschuldigten ihn nichts Geringeres als des Mordes: Morten war mit durchschnittener Kehle gefunden worden. Einer der Fischer hatte Jürgen gestern Abend spät auf dem Weg zu Mortens Wohnung getroffen, Jürgen hatte jenem bereits mehrfach mit dem Messer gedroht – folglich war er der Mörder! Man musste ihn streng bewachen; in Ringkøbing – dem sichersten Ort – wäre er gut aufgehoben, doch dorthin gelangte man nicht so schnell. Gerade wehte ein Westwind; in kaum einer halben Stunde, wenn nicht sogar weniger, konnte man über die Bucht setzen und auf den Fluss Skærum gelangen, und von dort waren es nur noch eine Viertelmeile bis Nord-Vosborg, wo sich ebenfalls eine feste Burg mit Wällen und Gräben befand. Im Boot befand sich zusammen mit anderen der Bruder des Vogts, und er meinte, man dürfe Jürgen in die Grube stecken, in der bis zu ihrer Hinrichtung die Lange Margarete gesessen hatte.

Auf Jürgens Rechtfertigungen hörte niemand: die Blutstropfen auf seinem Hemd überführten ihn. Er selbst wusste, dass er unschuldig war, doch die anderen glaubten ihm nicht, und so beschloss er, sich dem Schicksal zu ergeben.

Das Boot legte genau an jenem Wall an, wo einst die Burg des Ritter Bugge aufragte und wo Jürgen mit seinen Eltern auf dem Weg zu einem Festmahl, zu einem Totengedenken, Rast gemacht hatten. Ach, diese vier glücklichen, hellen

Tage der Kindheit!.. Nun führte man ihn auf derselben Straße, über dieselben Wiesen nach Nord-Vosborg, wo noch immer der mit Blüten überschüttete Holunder stand und die blühenden, duftenden Linden. Als wäre er erst gestern hier entlanggegangen.

Im linken Flügel des Schlosshofes, unter einer der hohen Treppen, öffnete sich ein Abstieg in einen niedrigen gewölbten Keller. Von dort war die Lange Margarete zur Hinrichtung geführt worden. Sie hatte fünf Kinderherzen gegessen und glaubte, wenn sie noch zwei weitere äße, erlange sie die Fähigkeit zu fliegen und unsichtbar zu werden. In die Wand war eine winzige Öffnung gebrochen, doch der erfrischende Duft der duftenden Linden konnte nicht durch sie dringen. Feuchtigkeit, Schimmel, nackte Bretter statt eines Bettes – das fand Jürgen im Keller vor. Doch ein reines Gewissen, sagt man, ist ein weiches Kissen; also schlief Jürgen gut.

Die dicke Tür war mit einem schweren eisernen Riegel verriegelt, doch die Gespenster des Aberglaubens dringen selbst durchs Schlüsselloch, dringen ein in herrschaftliche Gemächer wie in Fischerhütten, und erst recht fanden sie den Weg hierher zu Jürgen. Er saß da und dachte an die Lange Margarete, an ihre Untaten... Als schwebten in der Luft noch ihre letzten Gedanken, jene Gedanken, denen sie in der Nacht vor ihrer Hinrichtung nachgehangen hatte. Auch Erzählungen von Wundern kamen Jürgen in den Sinn, die sich hier zu Lebzeiten des Gutsherrn Swanwedel ereignet hatten: Den Hund, der die Brücke bewachte, fand man jeden Morgen an seiner Kette am Brückengeländer erhängt auf. All diese düsteren Gedanken bedrängten und erschreckten Jürgen, und nur eine einzige Erinnerung erhellte den Keller mit einem Sonnenstrahl – die Erinnerung an den blühenden Holunder und die Linden.

Indessen saß er nicht lange dort; man verlegte ihn nach Ringkøbing, in eine ebenso strenge Haft.

Damals war es anders als heute; dem armen Menschen erging es schlecht. Allen war noch gegenwärtig, wie Bauernhöfe und ganze Dörfer in neue adelige Güter verwandelt wurden, wie jeder Kutscher oder Lakai zum Richter wurde und den armen Bauern wegen der geringsten Verfehlung zur Enteignung seines Landes oder zur Auspeitschung verurteilte. Ähnliches geschah noch immer in Jütland: fern von der königlichen Residenz und den aufgeklärten Hütern von Ordnung und Recht ging man mit dem Gesetz ziemlich willkürlich um. Immerhin war es noch ein Glück, dass Jürgen nur im Gefängnis schmachten musste.

Welche Kälte herrschte in dem Raum, in den man ihn gesperrt hatte! Wann würde dies alles ein Ende nehmen? Er war unschuldig, und doch hatte man ihn der Schande und dem Elend preisgegeben – das war sein Schicksal! Ja, hier konnte er in Muße darüber nachdenken. Warum verfolgte es ihn so sehr?.. Alles würde sich dort klären, im zukünftigen Leben, das uns allen bevorsteht! Mit diesem Glauben war Jürgen aufgewachsen. Was der Vater, umgeben von der luxuriösen, sonnenüberfluteten Natur Spaniens, nicht begreifen konnte, das leuchtete dem Sohn als tröstlicher Strahl mitten in der ihn umgebenden Finsternis und Kälte. Jürgen vertraute fest auf Gottes Gnade, und dieses Vertrauen wird niemals getäuscht.

Die Frühlingsstürme machten sich wieder bemerkbar. Das Donnern des Meeres war meilenweit ringsum zu hören, sogar tief im Landesinneren, doch erst nachdem der Sturm sich gelegt hatte. Das Meer donnerte, als rollten hunderte schwerer Wagen über festen, aufgewühlten Boden. Jürgen lauschte aufmerksam diesem Dröhnen, das wenigstens etwas Abwechslung in sein Leben brachte. Kein altes Lied drang so sehr zu seinem Herzen vor wie die Musik der rollenden Wellen, die Stimme des stürmischen Meeres. Ach, Meer, wildes, freies Meer! Du und der Wind tragen den Menschen von Land zu Land, und überall trägt er sein Haus mit sich wie eine Schnecke, überall trägt er einen Teil seiner Heimat mit sich, ein Stückchen heimatlicher Erde!

Wie lauschte Jürgen dem dumpfen Grollen der Wellen, und wie bewegten sich in ihm selbst Gedanken und Erinnerungen! „In Freiheit! In Freiheit!" In Freiheit – Paradies, Seligkeit, selbst wenn man Schuhe ohne Sohlen trägt und ein geflicktes grobes Gewand! Das Blut kochte in ihm vor Zorn, und er schlug mit der Faust gegen die Wand.

So vergingen Wochen, Monate, ein ganzes Jahr verging. Plötzlich fing man den Dieb Niels, genannt „der Pferdehändler", und für Jürgen begannen bessere Zeiten: Es stellte sich heraus, wie ungerecht man mit ihm verfahren war.

Nördlich des Ringkøbing-Fjords gab es eine Schenke; dort trafen sich am Abend, am Tag vor Jörgens departure aus dem Dorf, Niels und Morten.

Sie tranken ein Gläschen, tranken noch eines, und Morten wurde nicht eigentlich betrunken, sondern eher... er geriet allzu sehr in Fahrt, ließ seiner Zunge freien Lauf – erzählte, er habe ein Haus gekauft und wolle heiraten. Niels fragte, woher er das Geld habe, und Morten klopfte prahlerisch auf seine Tasche:

„Dort, wo sie hingehören!"

Dieses Prahlen kostete ihn das Leben. Er ging nach Hause, Niels schlich sich hinterher und stieß ihm ein Messer in den Hals, um das Geld zu rauben, das gar nicht vorhanden war.

All diese Umstände wurden in den Akten detailliert dargelegt, doch für uns genügt es zu wissen, dass Jürgen auf freien Fuß gesetzt wurde. Nun, womit aber entschädigte man ihn für alles, was er erduldet hatte: einjährige Haft, Kälte und Hunger, Trennung von den Menschen? Nun, man sagte ihm, er sei, Gott sei Dank, unschuldig und könne gehen. Der Bürgermeister gab ihm zehn Mark für die Reise, und mehrere Bürger luden ihn zu Bier und guter Stärkung ein. Ja, es gab dort auch gute Menschen, nicht alle waren solche, die bereit sind, jemanden niederzustechen, zu häuten und auf die Pfanne zu legen! Das Beste jedoch war, dass gerade zu dieser Zeit der Kaufmann Brenne aus Skagen geschäftlich in die Stadt gekommen war, bei dem Jürgen vor einem Jahr hatte arbeiten wollen.

Der Kaufmann erfuhr die ganze Geschichte und wollte Jürgen für alles Entbehrte entschädigen; das Herz des Alten war gut, er begriff, was der Arme hatte erleiden müssen, und wollte ihm zeigen, dass es auf der Welt auch gute Menschen gibt.

Aus dem Kerker – hinaus in die Freiheit, ins Licht Gottes, wo Liebe und herzliche Anteilnahme seiner warteten! Ja, es war Zeit, auch dies zu erfahren. Der Becher des Lebens ist niemals ausschließlich mit Wermut gefüllt – einen solchen reicht kein guter Mensch seinem Nächsten, und schon gar nicht Gott selbst – die Allumfassende Liebe.

„Nun, setze einen Strich unter all dies!", sagte der Kaufmann zu Jürgen. „Streichen wir dieses Jahr, als wäre es nie gewesen, verbrennen wir den Kalender, und in zwei Tagen – aufbruch, in unser friedliches, von Gott behütetes Skagen! Man nennt es zwar ,Bärenecke', doch es ist ein gemütlicher, gesegneter Winkel mit offenen Fenstern zum hellen Licht!"

Was war das für eine Fahrt! Jürgen atmete tief durch. Aus der kalten Zelle, aus der stickigen, schwülen Luft wieder hinauszugelangen in die helle Sonne!

Das Heidekraut blühte, die ganze Steppe stand in Blüten; auf einem Hügel saß ein kleiner Hirte und spielte auf einer selbstgemachten Flöte aus einem Schafsknochen. Fata Morgana, wunderbare Lufterscheinungen der Steppe: hängende Gärten und in der Luft schwebende Wälder, seltsames Schwanken der Luftwellen – eine Erscheinung, über die die Bauern sagen: „Das ist Lokemann, der seine Herde treibt" – all dies sah er nun wieder.

Ihr Weg führte zum Limfjord, nach Skagen, von wo die „langbärtigen Leute", die Langobarden, ausgezogen waren. Zur Regierungszeit des Königs Snio herrschte hier Hungersnot, und man beschloss, alle Alten und Kinder zu töten, doch die edle Frau Gambaruk, Besitzerin eines der nördlichen Güter, schlug vor, lieber die Jugend außer Landes zu schicken. Jürgen kannte diese Sage – so viel Gelehrsamkeit besaß er –, und wenn er auch nicht zudem das eigentliche Land der Langobarden kannte, das jenseits der hohen Alpen liegt, so wusste er zumindest annähernd, wie es aussah. Denn er war ja als Junge im Süden gewesen, in Spanien, und erinnerte sich an die haufenweise daliegenden Früchte, die roten Granatäpfel, den Lärm, das Geschrei und das Glockengeläut in der riesigen Stadt, die einem Bienenstock glich. Doch das beste Land bleibt trotzdem die Heimat, und Jörgens Heimat war Dänemark.

Endlich erreichten sie Vendil-Skaga, wie Skagen in alten norwegischen und isländischen Handschriften genannt wird. Schon damals zog sich hier entlang der Sandbank bis zum Leuchtturm eine unabsehbare Kette von Dünen hin, unterbrochen von bebauten Feldern, und es gab Städte: Alt-Skagen, Vesterby und Østerby. Häuser und Gehöfte lagen auch damals verstreut zwischen angeschwemmten, wandernden Sandhügeln, auch damals wirbelte der wilde Wind den nichts haltenden Sand auf, auch damals schrien hier ohrenbetäubend die Möwen, die Seeschwalben und die wilden Schwäne. Alt-Skagen, wo der Kaufmann Brenne lebte und wo Jürgen sich niederlassen sollte, liegt eine Meile südwestlich des Skagen-Kaps. Auf dem Hof des Kaufmanns roch es nach Teer; als Dächer dienten auf allen Wirtschaftsgebäuden umgedrehte Boote; die Schweineställe waren aus Schiffswracks gezimmert; der Hof war nicht eingezäunt – es gab niemanden und nichts, das man hätte einzäunen müssen, obwohl an langen Seilen, übereinander aufgehängt, plattgedrückter Fisch trocknete. Der gesamte Meeresstrand war bedeckt mit faulenden Heringen: Kaum hatte man das Netz ins Meer ausgeworfen, kam es bereits voller Heringe zurück; man wusste nicht wohin damit – man musste sie entweder zurück ins Meer werfen oder

liegen lassen, um am Ufer zu verfaulen.

Die Frau und die Tochter des Kaufmanns sowie alle Hausgenossen empfingen den Vater und Hausherrn mit Freude; es gab ein freudiges Händeschütteln, Rufen und Plaudern. Und was für ein herrliches Gesichtchen und was für Augen hatte die Tochter des Kaufmanns!

Im Haus selbst war es geräumig und gemütlich. Auf dem Tisch erschienen Fischgerichte – solche Schollen, dass sich selbst ein König daran gelabt hätte! Und die Weine stammten aus den Skagener Weinbergen des großen Meeres: Der Traubensaft fließt direkt in Fässern und Flaschen nach Skagen.

Als jedoch Mutter und Tochter erfuhren, wer Jørgen war, und hörten, wie grausam und unschuldig er hatte leiden müssen, blickten sie ihn noch freundlicher an; besonders freundlich blickte die Tochter, die liebe Klara. Jørgen fand im Alten Skagen einen gemütlichen, herrlichen Familienherd; nun konnte sein Herz zur Ruhe kommen, obwohl dieses arme Herz schon viel hatte erfahren müssen, sogar die Bitterkeit unglücklicher Liebe, die es entweder verhärtet oder noch weicher, empfindsamer macht. Jørgens Herz war nicht verhärtet, es war noch jung, und nun blieb darin noch ein unbesetztes Plätzchen. Übrigens stand deshalb rechtzeitig Claras Reise zu ihrer Tante nach Christiansand in Norwegen an. Sie beabsichtigte, in etwa drei Wochen mit einem Schiff dorthin aufzubrechen und den ganzen Winter dort zu verbringen.

Am letzten Sonntag vor Claras Abreise gingen alle zur Kirche, um das Abendmahl zu empfangen. Die Kirche war groß und reich; vor mehreren Jahrhunderten hatten sie Schotten und Holländer erbaut; nicht weit davon hatte sich auch die Stadt selbst niedergelassen. Die Kirche war bereits etwas baufällig geworden, und der Weg dorthin war sehr beschwerlich, von Hügel zu Hügel, mal hinauf, mal hinab, durch tiefen Sand, doch die Bewohner gingen dennoch gern zum Gotteshaus, um Psalmen zu singen und die Predigt zu hören. Die Sandverwehungen reichten bereits bis zur Spitze des Friedhofszauns, doch die Gräber wurden ständig freigehalten.

Es war die größte Kirche nördlich des Limfjords. Auf dem Altar stand wie lebendig die Gottesmutter mit dem Kind auf dem Arm; auf der Empore befanden sich geschnitzte Holzfiguren der Apostel, und oben an den Wänden hingen Porträts alter Skagener Bürgermeister und Richter; unter jedem Porträt prangte eine konventionelle Inschrift der jeweiligen Person. Auch die Kanzel war ganz aus geschnitztem Holz. Die Sonne spielte fröhlich auf dem kupfernen Kronleuchter und auf dem kleinen Schiffchen, das von der Decke herabhing.

Jørgen überkam dasselbe Gefühl kindlicher Ehrfurcht, das er einst als Junge in der reichen Kathedrale in Spanien empfunden hatte, doch hier gesellte sich zu diesem Gefühl noch das Bewusstsein, dass auch er zur Herde gehörte.

Nach der Predigt begann das Abendmahl. Auch Jørgen kostete von Brot und Wein, und es fügte sich so, dass er genau neben Klara die Knie beugte. Doch seine Gedanken waren Gott zugewandt, er war ganz von dem vollzogenen Sakrament eingenommen und bemerkte erst, wer seine Nachbarin war, als er bereits von den Knien aufgestanden war. Als er sie ansah, sah er, dass ihr Tränen über die Wangen strömten.

Zwei Tage später reiste sie nach Norwegen ab, während Jørgen weiterhin verschiedene Arbeiten im Haus verrichtete und am Fischfang teilnahm; damals gab es dort tatsächlich viel zu fangen – mehr als heutzutage. Schwärme von Makrelen hinterließen nachts eine leuchtende Spur, die ihre Bewegungen unter Wasser verriet; Seeskorpione (Fisch – cottus scorpius) keuchten, und Kraben stießen ein klagendes Heulen aus, wenn sie von den Fischern gefangen wurden; Fische sind keineswegs so dumm, wie man von ihnen erzählt. Nun, Jørgen war schweigsamer als sie, bewahrte sein Geheimnis tief in seinem Herzen, doch einmal sollte auch dieses ans Licht kommen.

Wenn er sonntags in der Kirche saß, richtete er andächtig seinen Blick auf das Bild der Gottesmutter, das auf dem Altar prangte, doch manchmal lenkte er ihn für kurze Zeit auch auf die Stelle, wo Klara neben ihm gekniet hatte. Sie wich nicht aus seinen Gedanken... Wie gut sie zu ihm gewesen war!

Da kam auch schon der Herbst: Feuchtigkeit, Dunkelheit, Schlamm... Das Wasser staute sich auf den Straßen der Stadt, der Sand vermochte es nicht schnell genug aufzusaugen, und die Bewohner mussten sich auf den Straßen durchwaten, wenn nicht gar schwimmen. Stürme zerschellten Schiff um Schiff an den tödlichen Riffen. Schnee- und Sandstürme setzten ein; der Sand verschüttete die Häuser, und die Bewohner mussten oft durch die Schornsteine herausklettern, doch das war für sie nichts Ungewöhnliches. Dafür war es im Haus des Kaufmanns warm und gemütlich; Torf und Schiffstrümmer knisterten fröhlich im Herd, und der Kaufmann selbst las laut aus einer alten Chronik die Sage vom dänischen Prinzen Hamlet vor, der aus England zurückgekehrt war und bei Bovbjerg eine Schlacht geschlagen hatte. Sein Grab befindet sich nahe Ramme, nur etwa zwei Meilen von dem Ort entfernt, wo der alte Aalhändler gelebt hatte; in der unabsehbaren Steppe erhoben sich hunderte von Grabhügeln; die Steppe war ein gewaltiger Friedhof. Der Kaufmann Brønne war selbst am Grab Hamlets gewesen. Wenn ihm das Lesen langweilig wurde, begann man zu plaudern; man sprach über alte Zeiten, über die Nachbarn, die Engländer und Schotten, und Jørgen sang ein altes Lied „vom englischen Königssohn", davon, wie das Schiff geschmückt war:

Die vergoldeten Bordwände strahlen hell,

Das Wort des Herrn ist darauf geschrieben;

Und den Bug des Schiffes ziert ein Galion:

Der Prinz hält ein Mädchen in seinen Armen.

Dieses Lied sang Jørgen mit besonderem Gefühl; seine Augen funkelten regelrecht; sie waren ihm schon seit seiner Geburt so schwarz und glänzend.

Also – man sang, man las; im Haus herrschte Friede und Eintracht und Gottes Segen; alle fühlten sich wie in einer eigenen Familie, sogar die Haustiere. Und welch eine Ordnung herrschte im Haus, welch eine Sauberkeit! Auf den Regalen glänzte blank geputztes Zinngeschirr, an der Decke hingen Würste und Schinken – reichliche Wintervorräte. In unserer Zeit kann man all dies an der Westküste Jütlands bei vielen Bauern sehen: denselben Überfluss an Nahrungsmitteln, dieselbe Ausstattung in den Stuben, Fröhlichkeit und gesunder Menschenverstand; überhaupt haben sich ihre Verhältnisse gebessert. Und ebenso große Gastfreundschaft herrscht hier wie in den Zelten der Araber.

Noch nie hatte sich Jørgen so gut, so fröhlich gefühlt, wenn man von jenen vier fröhlichen Kindheitstagen absieht, die er bei einem Leichenschmaus zu Gast verbracht hatte. Und doch war Klara noch nicht hier; das heißt, sie war nicht zu Hause, aber in Gedanken und Gesprächen war sie stets gegenwärtig.

Im April beschloss der Kaufmann, sein Schiff nach Norwegen zu senden; darauf fuhr auch Jørgen mit. Wie er sich da freute! Nun, und auch körperlich hatte er sich in dieser Zeit erholt, wie Frau Brønne selbst sagte; es war eine Freude, ihn anzusehen.

– Und dich auch! – sagte ihr Mann. – Jørgen hat unsere Winterabende belebt, und auch dich, alte Frau! Du bist sogar in diesem Jahr jünger geworden. Schau nur, wie du geworden bist – eine wahre Pracht! Nun ja, du warst ja einst die erste Schönheit in Viborg, und das will viel heißen: Nirgends habe ich so schöne Mädchen gesehen wie dort.

Jørgen sagte kein Wort – das gehörte sich auch nicht –, dachte jedoch nur an ein einziges Mädchen aus Skagen. Zu ihr fuhr er jetzt. Das Schiff, vom frischen Wind getrieben, war nur einen halben Tag unterwegs.

Früh am Morgen begab sich Kaufmann Brønne zum Leuchtturm, der fern im Meer, nahe der äußersten Spitze des Skagener Kaps, aufragt. Als er auf die Plattform hinaufstieg, war das Licht längst gelöscht, die Sonne stand hoch. Eine ganze Meile weit vom Ufer erstreckten sich Sandbänke ins Meer hinaus. Am Horizont zeigten sich an diesem Tag viele Schiffe, und der Kaufmann hoffte, mit Hilfe seines Fernrohrs zwischen ihnen auch seine „Karen Brønne" zu entdecken. Tatsächlich näherte sie sich; an Bord waren auch Klara und Jørgen. Schon sahen sie in der Ferne den Skagener Leuchtturm und den Kirchturm, die von weitem wie ein Reiher und ein Schwan auf dem blauen Wasser wirkten. Klara saß am Bord und sah zu, wie am Horizont eine Düne nach der anderen aus ihrer Heimat auftauchte. Wenn der günstige Wind weiter wehte, wären sie in weniger als einer Stunde zu Hause. So nah war die Freude des Wiedersehens – so nah war auch die schreckliche Stunde des Todes.

In einer Seite des Schiffes entstand ein Leck, und Wasser strömte in den Laderaum. Man eilte, das Wasser auszupumpen, das Loch zu stopfen, setzte alle Segel, hisste die Flagge, die bedeutete, dass das Schiff in Gefahr war. Bis zum Ufer waren es nur noch etwa eine Meile zu fahren, in der Ferne zeigten sich bereits Fischerboote, die zu Hilfe eilten, der Wind trieb das Schiff landwärts, die Strömung half, doch das Schiff sank mit erschreckender Schnelligkeit. Jørgen legte seinen rechten Arm um Claras Taille.

Wie sie ihm in die Augen sah, bevor er, den Namen Gottes anrufend, mit ihr in die Wellen sprang! Sie schrie auf, doch sie hatte nichts zu fürchten – er würde sie nicht loslassen.

Der Prinz hält ein Mädchen in seinen Armen!

Auch Jørgen fasste diesen Entschluss in der Stunde schrecklicher Gefahr. Seine Schwimmkünste kamen ihm nun zustatten; bald arbeitete er mit beiden Beinen und der freien Hand – mit der anderen hielt er das Mädchen fest an sich gepresst –, bald ließ er sich von der Strömung treiben, bewegte die Beine nur leicht, kurz, er wandte alle Techniken an, die er kannte, um Kräfte zu sparen und das Ufer zu erreichen.

Plötzlich fühlte er, wie Klara tief einatmete und krampfhaft zitterte ... Er presste sie noch fester an sich. Die Wellen schlugen über ihre Köpfe hinweg; die Strömung hob sie empor; das Wasser war so rein und durchsichtig. Einen Augenblick lang schien es ihm, als sähe er in der Tiefe einen Schwarm glänzender Makrelen oder vielleicht war es das Meerungeheuer selbst, das sich bereitete, sie zu verschlingen ... Wolken, die am Himmel vorüberzogen, warfen einen leichten Schatten auf das Wasser, dann spielten wieder Sonnenstrahlen darauf. Vogelscharen kreisten mit Geschrei über Jürgens Kopf; wildente, die schläfrig auf den Wellen schaukelten, flogen bei seiner Annäherung erschreckt empor. Doch die Kräfte des Schwimmers ließen immer mehr nach ... Er spürte es; bis zum Ufer war noch ein gutes Stück zu schwimmen, doch Hilfe war nahe, das Boot näherte sich. Plötzlich sah er deutlich unter dem Wasser eine weiße Gestalt, die ihn unverwandt ansah ... Eine Welle erfasste ihn, die Gestalt kam näher ... Er fühlte einen Schlag ... alles verdunkelte sich vor seinen Augen! ..

Auf dem Riff unter Wasser saß ein Schiffswrack fest mit einem Galionsbild, das eine Frau darstellte, die sich auf einen Anker stützte. Gegen dessen Spitze, die nach oben ragte, prallte Jürgen, von der Strömung getrieben. Bewusstlos sank er samt seiner Last ins Wasser, doch die nächste Welle schleuderte sie erneut empor.

Die Fischer zogen beide ins Boot; Jürgens Gesicht war ganz mit Blut bedeckt; er lag wie tot, doch hielt er das Mädchen so fest, dass man es ihm kaum aus den Händen winden konnte. Leblos und bleich legte man sie auf den Boden des Bootes, das nach Skagen fuhr.

Alle Mittel wurden angewandt, doch gelang es nicht, Klara ins Leben zurückzurufen. Lange schon war Jürgen mit einer Leiche im Arm geschwommen, hatte gekämpft und war erlahmt, während er eine Tote rettete.

Jürgen selbst atmete noch, und man trug ihn in das nächste Haus hinter den Dünen. Ein Feldscher, der zugleich Schmied und Krämer war, verband seine Wunde in Erwartung des Arztes, nach dem man nach Hjørring geschickt hatte.

Beim Kranken war das Gehirn verletzt; er lag im Fieberwahn und stieß wilde Schreie aus, doch am dritten Tag verfiel er in Bewusstlosigkeit. Das Leben schien an einem seidenen Faden zu hängen, und nach Aussage des Arztes wäre es besser gewesen, wenn dieser Faden gerissen wäre.

– Möge Gott wollen, dass er stirbt! Er wird nie wieder ein Mensch sein! Doch er starb nicht, der Faden riss nicht; dafür aber riss der Faden der Erinnerungen, alle geistigen Fähigkeiten wurden an der Wurzel abgeschnitten – das ist das Schreckliche! Übrig blieb nur der Körper, der sich anschickte, gesund zu werden und auf seine eigene Weise weiterzuleben. Der Kaufmann Brenne nahm Jürgen zu sich.

– Er hat gelitten, als er unser Kind rettete! – sagte der Alte. – Nun ist er unser Sohn.

Jürgen nannte man den Halbverrückten. Doch das war nicht ganz richtig; er glich einem Instrument mit erschlafften, verstummten Saiten. Nur für einen kurzen Augenblick, in seltenen Minuten, gewannen sie ihre frühere Spannkraft zurück und erklangen, doch dann waren es nur einige einzelne Akkorde alter Melodien. Bilder der Vergangenheit tauchten auf und verschwanden wieder, und Jürgen saß da, starrte sinnlos ins Leere. Man muss annehmen, dass er zumindest nicht litt. Seine schwarzen Augen hatten ihren Glanz verloren, blickten leblos und trübe.

„Armer, schwachsinniger Jürgen!" – sagte man über ihn.

So also endete das Kind, das die Mutter unter ihrem Herzen getragen hatte für ein Leben, so reich an Glück, dass es unverzeihlicher Hochmut gewesen wäre, sich solches zu wünschen, geschweige denn jenseits davon zu erwarten! Also gingen alle reichen Gaben der Seele zugrunde? Not, Leid und Unglück waren sein Los; er war wie eine prächtige Blumenknolle aus fruchtbarem Boden gerissen und auf den Sand geworfen worden – um zu verfaulen! War es nicht einer besseren Bestimmung würdig, was „nach dem Bilde und Gleichnis" Gottes selbst geschaffen war? Ist denn alles auf der Welt nur ein Spiel leerer Zufälle? Nein! Der barmherzige Herr bereitete ihm gewiss in einem anderen Leben Lohn für alles, was er in diesem erduldet hatte. „Die Barmherzigkeit Gottes ist größer als alle seine Werke!" – diese Worte des Psalmendichters wiederholte gläubig die fromme Frau des Kaufmanns, und ihr innigstes Gebet galt der baldigen Übersiedlung Jürgens in das Reich göttlicher Barmherzigkeit, wo ewiges Leben herrscht.

Klara wurde auf dem Friedhof begraben, der zunehmend vom Sand begraben wurde. Doch Jürgen schien dies nicht einmal zu bemerken; es gehörte nicht in den engen Kreis seiner Gedanken; sie fingen nur Fetzen der Vergangenheit auf. Jeden Sonntag begleitete er die Familie des Kaufmanns zur Kirche und saß ruhig da, den Blick sinnlos geradeaus gerichtet. Doch einmal, während er dem Gesang der Psalmen lauschte, seufzte er, seine Augen funkelten auf und richteten sich auf jene Stelle nahe dem Altar, wo er vor einem Jahr neben seiner verstorbenen Geliebten gekniet hatte. Er nannte ihren Namen, wurde bleich wie eine Leinwand und weinte.

Man half ihm hinaus aus der Kirche, und er sagte, es gehe ihm völlig gut. Er erinnerte sich nicht mehr daran, was mit ihm geschehen war, erinnerte sich an nichts. Ja, der Herr hatte ihn schwer geprüft! Doch kann jemand an der Weisheit und Barmherzigkeit unseres Schöpfers zweifeln? Unser Herz, unser Verstand sprechen uns von seiner Weisheit und Barmherzigkeit, und die Bibel bestätigt: „Seine Barmherzigkeit ist größer als alle seine Werke!"

Und in Spanien, wo die warme Brise Orangen- und Lorbeerbäume streichelt, über maurische vergoldete Kuppeln weht, wo Liedklänge erklingen, Kastagnetten klappern, wo Prozessionen von Kindern mit Kerzen und flatternden Fahnen durch die Straßen ziehen, saß in einem prächtigen Haus ein kinderloser alter Mann, der reichste Kaufmann. Was hätte er nicht von seinem Reichtum gegeben, um nur seine Kinder zurückzuerhalten, die Tochter oder ihr Kind, dem vielleicht nicht beschieden war, das Licht und folglich auch das ewige Leben zu sehen? „Armes Kind!"

Ja, armes Kind! Gerade ein Kind, obwohl er bereits dreißig Jahre alt geworden war; so alt war Jürgen in Skagen geworden.

Die Sandverwehungen bedeckten den Friedhof bereits bis zur Kirchenmauer, doch die Sterbenden wollten dennoch neben denen begraben werden, die zuvor in die Ewigkeit eingegangen waren, ihren Angehörigen und Lieben. Auch der Kaufmann Brenne und seine Frau legten sich unter den weißen Sand neben ihre Tochter.

Der Frühling kam, die Zeit der Stürme; die Dünen rauchten, das Meer türmte hohe Wellen auf, Vögel flogen in Schwärmen über die Dünen und schrien. An den Riffen zerschellte Schiff um Schiff.

Eines Abends saß Jürgen allein im Zimmer, und plötzlich entflammte in seiner Brust eine unruhige Sehnsucht, ein Drang in die Ferne, der ihn schon als Kind so oft vom Haus fort auf die Dünen und in die Steppe gezogen hatte.

„Heim, heim!" – murmelte er; niemand hörte ihn; er verließ das Haus und ging hinaus zu den Dünen; Sand und kleine Kieselsteine flogen ihm ins Gesicht, wirbelten säulenförmig um ihn herum. So gelangte er zur Kirche. Der Sand hatte die ganze Mauer und sogar die Fenster zur Hälfte verschüttet, doch der Zugang zu den Türen war freigemacht. Die Türen waren nicht verschlossen und öffneten sich leicht; Jürgen trat ein.

Der Wind heulte über die Stadt; ein furchtbarer Orkan brach los, wie ihn die Bewohner nie erlebt hatten, doch Jürgen befand sich bereits im Hause Gottes. Ringsum herrschte dunkle Nacht, doch in seiner Seele war es hell, darin entzündete sich ein geistiges Feuer, das niemals ganz erlischt. Er fühlte, wie der schwere Block, der auf seinem Kopf lastete, plötzlich mit Krachen herabstürzte. Ihm däuchten Orgelklänge zu sein, doch es war der Sturm, der heulte, und das Meer, das stöhnte. Jürgen setzte sich auf seinen Platz; die Kirche erhellte sich von Lichtern; eine Kerze nach der anderen flammte auf; solchen Glanz hatte er nur einmal in seinem Leben gesehen, in einer spanischen Kathedrale. Die alten Porträts der Bürgermeister und Richter erwachten zum Leben, stiegen von den Wänden herab, wo sie Jahre gehangen hatten, und nahmen ihre Plätze auf der Empore ein. Die Kirchentore und -türen öffneten sich weit, und alle verstorbenen Gemeindemitglieder traten herein in festlichen Gewändern, wie sie zu ihrer Zeit getragen wurden. Sie schritten unter den Klängen wunderbarer Musik und setzten sich auf ihre Plätze. Der Chor begann Psalmen zu singen; mächtige Wellen von Klängen ergossen sich. Die Alten, Jürgens Adoptiveltern, der Kaufmann Brenne mit seiner Frau, waren ebenfalls da, und neben Jürgen saß auch ihre liebe, geliebte Tochter Klara. Sie reichte Jürgen die Hand, und sie gingen gemeinsam zum Altar, knieten nieder, und der Priester vereinigte ihre Hände, segnete sie, in Frieden und Liebe zu leben! .. Trompetenklänge erschollen; volle Töne schluchzten selig, als wären es hunderte Kinderstimmen, wuchsen zu mächtigen, die Seele erhebenden, stürmischen Orgelakkorden an und gingen wiederum über in zarte, bezaubernde, doch zugleich vermögende, Grabgewölbe zu erschüttern!

Das Schiffchen, das unter der Decke hing, senkte sich herab, wurde plötzlich so groß, prachtvoll geschmückt, mit seidenen Segeln, vergoldeten Rahen, goldenen Ankern und seidenen Tauen, genau wie jenes Schiff, von dem in einem alten Lied gesungen wird. Das Brautpaar bestieg das Schiff, alle übrigen Gemeindemitglieder folgten ihnen; für alle fand sich Platz, allen war wohl. Die Wände und Gewölbe der Kirche blühten auf wie Holunder und duftende Linden und streckten liebevoll ihre Zweige und Blätter dem Schiff entgegen, verwoben sich

über ihm eine grüne Laube. Das Schiff erhob sich und schwebte durch die Luft. Alle Kerzen in der Kirche verwandelten sich in Sternchen, der Wind sang Psalmen, und auch die Himmel selbst sangen:

„Liebe! Seligkeit! Kein Leben wird zugrunde gehen, sondern errettet werden! Seligkeit! Halleluja!.." Diese Worte waren die letzten Worte Jürgens: der Faden riss, der die unsterbliche Seele hielt... In der dunklen Kirche lag nur noch der leblose Körper, während ringsum weiterhin der Sturm tobte und der Sand wirbelnd umherflog.

Der nächste Tag war ein Sonntag; morgens machten sich die Gemeindemitglieder und der Priester auf den Weg zur Kirche. Es war schwer, dorthin zu gelangen: der Weg war nahezu unpassierbar geworden. Schließlich erreichten sie ihr Ziel, doch... die Kirchentüren erwiesen sich als von Sand verschüttet; vor ihnen türmte sich ein ganzer Hügel auf. Der Priester sprach ein kurzes Gebet und sagte, dass der Herr ihnen die Tür zu diesem Seinem Haus verschlossen habe und sie Ihm an einem anderen Ort ein neues errichten müssten.

Man sang einen Psalm und zerstreute sich wieder nach Hause.

Jürgen fand man weder in der Stadt noch auf den Dünen, wo immer man auch suchte, und man beschloss, dass ihn die Wellen fortgerissen hatten.

Sein Leib jedoch ruhte in einer gewaltigen Gruft – mitten im Tempel. Der Herr hatte dem Sturm befohlen, sein Grab mit Erde zu überschütten, und so bleibt es bis heute unter der schweren Decke aus Sand begraben.

Die Sandmassen bedeckten die erhabenen Gewölbe des Tempels, und darüber wachsen nun Dornen und wilde Rosen. Aus dem Sand ragt lediglich ein Glockenturm hervor – ein majestätisches Denkmal über Jürgens Grab, weithin sichtbar über viele Meilen hinweg. Kein König wurde je mit einem prächtigeren Monument geehrt! Niemand wird die Ruhe des Verstorbenen stören; niemand weiß oder wusste zumindest bislang, wo er bestattet liegt. Mir aber hat alles der Wind erzählt, der über die Dünen streift.