Volksmärchen

Dem Bettler geben

Ein armer tatarischer Witwer lernt durch die Güte seiner christlichen Dienstmagd, dass wahre Wohltätigkeit ein Darlehen an Gott ist, das mit unverhältnismäßig großem Segen zurückgezahlt wird, was ihn schließlich zum Glauben und zu Wohlstand führt.

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Dem Bettler geben

Einem Bettler geben heißt, Gott ein Darlehen gewähren

In einer Stadt lebte einst ein Tatar. Er war ein armer Mann, verwitwet, mit kleinen Kindern. Den ganzen Tag war er nicht zu Hause – er ging Tagelöhnerarbeit nach, die Kinder blieben ganz allein: niemand war da, um sie zu versorgen, zu füttern oder auf sie achtzugeben. Gerne hätte er wieder geheiratet, doch wer würde einen solchen Armen nehmen und fremde Kinder hüten? So beschloss der Tatar, eine Haushälterin ins Haus zu nehmen. Zwar fiel es dem Armen schwer, einen weiteren Mund zu ernähren, doch was sollte er tun? Die Kinder taten ihm leid.

Es fand sich auch eine passende Haushälterin. Ein sehr, sehr armer Mann war gestorben, und nach ihm blieb eine Waisentochter zurück. Diese dingte der Tatar, damit sie bei ihm für Brot diente. Nun lebten sie zusammen. Das Mädchen – Mascha hieß sie – verrichtete im Haus alle Arbeiten, kümmerte sich um die Kinder, bereitete das Mittagessen, während der Tatar als Tagelöhner arbeitete. Und diese Mascha passte so gut in sein Haus, sorgte so liebevoll für seine tatarchen Kinder, als wäre sie ihre leibliche Mutter, sodass es ihm besser ging und er ruhiger lebte als selbst mit seiner eigenen Frau: In allem vertraute er ihr, in allen seinen Angelegenheiten holte er ihren Rat ein. Auch sein Verdienst wurde größer: Erstens fand sich eine lukrative Arbeit, zweitens arbeitete er schneller, seit er nicht mehr stündlich mit bangem Herzen an seine Kinder denken musste.

Einmal abends, als der Tatar zu Hause war, trat ein Bettler, ein alter Greis, ans Fenster und bat um ein Almosen. Mascha reichte ihm ein Stück Brot. „Was machst du da, Mädchen", sagte der Tatar zu Mascha, „Brot unter Bettler zu verteilen? Wir haben kaum genug für uns selbst." „Schon gut, wir werden schon irgendwie satt werden; bei uns gilt es, Bettlern zu geben, denn einem Bettler geben ist dasselbe, wie Gott ein Darlehen zu gewähren. Und unser Gott vergilt Gutes hundertfach", antwortete sie ihm.

Der Tatar hatte für den schwarzen Tag einen silbernen Rubel zurückgelegt. Und seltsamerweise: Seit er diesen Rubel besaß, plagte ihn eine zusätzliche Sorge. Nachts wachte der Tatar auf – aus Angst, jemand könnte ihm sein Geld stehlen; tagsüber grübelte er nur darüber nach, wie er diesen Rubel gewinnbringend anlegen könnte, damit er nicht nutzlos daläge, sondern Profit brächte.

Maschas Worte hatten sich im Herzen des Tataren festgesetzt; er dachte lange nach und fasste schließlich den Entschluss: seinen Rubel dem russischen Gott als Darlehen zu geben. Am Sonntag ging er zur Kirchentreppe und gab das Geld dem ersten Bettler, der ihm begegnete.

Ob nun viel oder wenig Zeit verging – plötzlich erkrankte die Haushälterin des Tataren so schwer, dass sie das Bett nicht mehr verlassen konnte; sie brannte wie Feuer und schwand dahin wie eine Kerze, Tag für Tag. Die Leute sagen wahr: Wenn ein Unglück kommt, zieht es ein anderes nach sich. Wie zum Hohn verletzte sich gerade in dieser Zeit auch noch Maschas Herrscher mit einer Axt die Hand – sodass auch er nicht arbeiten konnte. Da kam unweigerlich das Unglück über sie: Die Kinder schrien hungernd, weinten, verlangten zu essen, doch im Haus gab es kein einziges Krümchen Brot, und nowhere war etwas zu bekommen. Da erinnerte sich der Tatar an seinen Reserve-Rubel, den er dem russischen Gott als Darlehen gegeben hatte, und sprach zu Mascha: „Siehst du, Mädchen, jetzt wäre mein Reserve-Rubel uns sehr nützlich gewesen. Ich habe ihn eurem Gott geliehen, wie du mich gelehrt hast – nun müsste man ihn zurückfordern. Es ist dringend nötig."

Doch Mascha konnte ihm nichts antworten – so krank war sie geworden. Der Tatar ging zur Kirchentreppe, suchte jenen Bettler, dem er seinen Rubel gegeben hatte – doch der Bettler war nirgends zu sehen. Er sah, wie Leute aus der Kirche kamen – gerade fand der Gottesdienst statt –, die den Bettlern Almosen gaben, also streckte auch er die Hand aus. Er stand lange da, die Menschen gingen vorüber, niemand gab ihm etwas, alle sagten: „Gott wird geben!", endlich endete auch der Gottesdienst. Als Letzter trat ein alter Greis in ärmlicher Kleidung aus der Kirche und gab dem Tataren eine Kopeke.

Der Tatar kehrte heim und sagte zu Mascha: „Siehe, ich habe dir geglaubt, dass euer Gott Schulden hundertfach zurückzahlt; doch mir hat Er für meinen Rubel nur eine Kopeke gegeben. Wie soll ich nun mit einer Kopeke euch alle ernähren?"

Er ging auf den Markt; alles, wonach er fragte, kostete mehr als eine Kopeke, also kaufte er nichts. Niedergeschlagenen Hauptes ging er heim – der Weg führte am Ufer entlang –, da sah er: Ein Fischer hatte gerade sein Schleppnetz herausgezogen und sortierte große Fische von kleinen. Da sprach er den Fischer an: „Gib mir, guter Mensch, für eine Kopeke einen Fisch: Meine Kinder haben seit drei Tagen nichts gegessen." Der Fischer empfand Mitleid mit ihm und gab ihm für eine Kopeke einen Fisch, zwar keinen großen.

Zuhause begann der Tatar, diesen Fisch zu putzen, um ihn für die Kinder zu kochen, schnitt ihn auf – und siehe da: Im Inneren lag ein kleiner Stein, wie ein Glasstückchen, doch in der Sonne glänzte er außerordentlich hell und spielte in Regenbogenfarben. Er zeigte ihn Mascha, und sie sagte zu ihm – ihr ging es bereits etwas besser: „Das ist wirklich ein Edelstein. Geh zu dem Juden, dem Goldschmied – vielleicht gibt er dir etwas dafür." Der Tatar ging zu dem Juden. Kaum hatte der Jude den Stein erblickt, leuchteten seine Augen auf. „Woher hast du das?", fragte er. Der Tatar erzählte es ihm. „Nun", sagte der Jude zu ihm, „das ist nichts wert, bloß ein Glasstückchen." „Wenn es nichts wert ist, brauche ich es nicht; ich gebe es den Kindern zum Spielen." Der Tatar steckte den Stein in die Tasche und wollte gehen, doch der Jude packte ihn am Kaftan: „Warte, warte", sagte er, „auch meine Kinder spielen gern. Gib mir deinen Stein; ich gebe dir, deiner Armut wegen, drei Rubel dafür!"

„Der Jude bietet gleich sehr viel", dachte der Tatar. „Vielleicht ist die Sache doch wertvoll..." „Nein", sagte er, „was soll's! Ihr Juden gebt Fremden nichts aus Mitleid. Ich werde anderswo den Wert des Steins erfahren lassen." – „Warum anderswo? Niemand wird dir mehr bieten als ich. Willst du zehn Rubel?" – „Nein!" – „Nun, zwanzig." – „Selbst für hundert Rubel nehme ich ihn nicht." – „Nimm hundert Rubel."

„Aha", dachte der Tatar, „so wertvoll ist also das Ding. Gut", sagte er, „willst du tausend Rubel geben – hier ist der Stein, dein Glück!" Der Jude feilschte: Er klammerte sich an den Stein, zitterte am ganzen Leib, die Augen funkelten, drehte ihn in den Händen, hielt ihn gegen das Licht. Er bot zweihundert, dreihundert, fünfhundert Rubel mehr – der Tatar gab nicht nach. Was blieb dem Juden übrig? Er zählte dem Tataren tausend Rubel für den Stein aus. Bekanntlich war der Stein genau das wert.

Der Tatar kehrte heim, trat zu Mascha und sprach zu ihr: „Nun, Mascha, du hattest recht. Groß ist euer christlicher Gott, rechtgläubig ist euer Glaube! Ich will fortan danach leben."

In Wohlstand und Fürsorge genas Mascha bald. Ihr Herr ließ sich taufen, heiratete sie, und sie lebten fortan glücklich, mehrten ihren Reichtum und vergaßen dabei nie die armen Menschen.