Kunstmärchen

Der jammernde und hüpfende Löwenlerche

Eine treue Ehefrau unternimmt eine siebenjährige gefahrvolle Reise, um ihren verzauberten Ehemann zu erlösen, und überwindet durch Beharrlichkeit und List die Trennung durch eine rivalisierende Prinzessin.

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Der jammernde und hüpfende Löwenlerche

Es war einmal ein Mensch auf der Welt, dem eine große Reise bevorstand, und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen als Geschenk mitbringen solle.

Da wünschte sich die Älteste Perlen, die Zweite Diamanten, und die Dritte sagte: „Väterchen, bring mir ein singendes und springendes Löwenlerchchen." Der Vater sprach: „Gut, wenn ich es finde, bringe ich es dir", küsste alle drei Töchter und reiste ab.

Als er bereits auf dem Rückweg nach Hause war, hatte er die Perlen und Diamanten für die beiden älteren Töchter bei sich, doch das Sing- und Springlöwenlerchchen für die jüngste Tochter suchte er überall vergebens, und dies verdross ihn umso mehr, als diese Tochter seine Lieblingstochter war.

Sein Weg führte durch einen Wald, und mitten in diesem Wald stand ein prächtiges Schloss, und nahe dem Schloss wuchs ein Baum, und auf dessen höchster Wipfel sang und hüpfte ein Löwenlerchchen. „Sieh da, ganz gelegen kommst du mir unter die Augen", sprach er, völlig zufrieden, und rief seinem Diener zu, er solle auf den Baum klettern und das Vöglein fangen.

Doch kaum war er zum Baum gekommen, als darunter ein Löwe hervorsprang, sich schüttelte und so brüllte, dass die Blätter von den Bäumen herabrieselten. „Ich zerreiße jeden, der es wagt, mir mein Sing- und Springlöwenlerchchen zu stehlen!" rief der Löwe drohend.

Da sprach der Vater: „Ich wusste nichts davon und ahnte nicht, dass der Vogel dir gehört; ich bin bereit, meine Schuld wiedergutzumachen und dir ein teures Lösegeld zu zahlen – ich bitte nur, mein Leben zu verschonen."

Der Löwe antwortete darauf: „Nichts kann dich retten, es sei denn, du versprichst mir, dasjenige herzugeben, was dir bei deiner Rückkehr nach Hause zuerst entgegenkommt; wenn du mir dies versprichst, so schenke ich dir das Leben und gebe dir obendrein mein Lerchchen für deine Tochter."

Der Vater zögerte, darein einzuwilligen, und sprach: „Mir könnte leicht meine jüngste Tochter zuerst entgegenkommen, die mich von allen Töchtern am meisten liebt und mir immer entgegenläuft, wenn ich von Reisen nach Hause komme."

Doch der Diener fürchtete um seinen Herrn und sagte: „Warum muss Ihnen denn gerade Ihre Tochter zuerst entgegenkommen und nicht eine Katze oder ein Hund?"

So ließ sich der Vater überreden, nahm das singende und springende Lerchchen mit und versprach, dem Löwen dasjenige als völliges Eigentum zu übergeben, was ihm bei der Rückkehr nach Hause zuerst begegnen würde.

Als er nach Hause kam und das Haus betrat, lief ihm zuerst seine jüngste, geliebte Tochter entgegen. Sie eilte zu ihm, küsste und umarmte ihn, und als sie sah, dass er ihr das Sing- und Springlöwenlerchchen mitgebracht hatte, war sie außer sich vor Freude.

Doch der Vater vermochte sich nicht zu freuen, sondern weinte vielmehr und sprach: „Mein teures Kind, dieses kleine Vöglein habe ich um einen hohen Preis gekauft – dafür musste ich versprechen, dich einem wilden Löwen zum Zerreißen auszuliefern", und nachdem er ihr alles erzählt hatte, wie es geschehen war, bat er sie inständig, nicht zum Löwen zu gehen, komme, was da wolle.

Doch die Tochter tröstete ihn und sprach: „Liebster Väterchen! Euer Versprechen muss erfüllt werden; ich werde zum Löwen gehen und versuchen, ihn zu besänftigen, und ich hoffe, unversehrt zu euch zurückzukehren."

Am nächsten Morgen bat sie, man möge ihr den Weg zu jenem Schloss zeigen, verabschiedete sich von ihrem Vater und trat ruhig in den Wald ein.

Jener Löwe aber war ein verwunschener Königssohn und hatte tagsüber die Gestalt eines Löwen, und alle seine Leute waren ebenfalls Löwen; nachts jedoch nahmen sie alle ihre menschliche Gestalt an.

Das schöne Mädchen wurde vom Löwen sehr freundlich empfangen und ins Schloss geführt.

Bei Einbruch der Nacht verwandelte er sich in einen schönen Jüngling und feierte feierlich Hochzeit mit dem schönen Mädchen. Sie lebten miteinander in vollem Wohlbehagen und Eintracht; sie schliefen bei Tag und wachten bei Nacht.

Eines Tages kam der Löwe zu seiner Frau und sprach zu ihr: „Morgen ist ein großes Fest im Hause deines Vaters – deine älteste Schwester heiratet, und wenn du bei jenem Fest sein möchtest, so werden meine Löwen dich dorthin bringen." Sie antwortete, sie sähe ihren Vater gerne wieder, fuhr in das elterliche Haus, und die Löwen begleiteten sie.

Alle freuten sich über ihre Ankunft, denn sie hatten schon geglaubt, der Löwe habe sie längst zerrissen, und sie sei nicht mehr am Leben.

Sie aber erzählte, welch wunderbaren Mann sie habe und wie gut es ihr erging, und nachdem sie die ganze Zeit bei ihnen verbracht hatte, während die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten, kehrte sie wieder in den Wald zu ihrem Löwengatten zurück.

Als ihre zweite Schwester heiratete und sie wiederum zur Hochzeit eingeladen wurde, sprach sie zum Löwen: „Dieses Mal fahre ich nicht allein, du musst auch mit mir fahren."

Doch der Löwe antwortete, diese Fahrt drohe ihm großer Gefahr: wenn ihn dort im Hause ihres Vaters ein Strahl einer brennenden Kerze berühre, so werde er sich in eine Taube verwandeln und müsse sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. „Ach komm nur mit mir!", sprach sie. „Ich will dich schon behüten und vor jedem Licht bewahren."

So machten sie sich denn gemeinsam auf den Weg und nahmen sogar ein kleines Kind mit. Sie ließ dort einen besonderen Saal herrichten und diesen so dicht gegen das Licht abschirmen, dass kein Strahl hineindringen konnte von den Hochzeitskerzen, wenn sie im Hause angezündet würden; dort sollte der Löwe beständig verbleiben. Doch die Tür zu diesem Saal war aus frischem Holz gemacht, welches eine kleine, für das menschliche Auge kaum sichtbare Ritze bekam.

Die Hochzeit wurde mit großem Glanz gefeiert; als jedoch der Hochzeitszug nach der Rückkehr aus der Kirche mit vielen brennenden Kerzen und Fackeln am Saal des Löwen vorbeizog, fiel ein Lichtstrahl, dünn wie ein Haar, auf den verwunschenen Königssohn, und kaum hatte er ihn berührt, da verwandelte er sich bereits in eine Taube...

Als die Frau zu ihrem Löwengatten kam, fand sie statt seiner nur eine weiße Täubchen vor! Das Täubchen sprach zu ihr: „Sieben Jahre muss ich in Taubengestalt über die weite Welt fliegen; doch bei jedem siebenten Schritt werde ich einen Blutstropfen und eine weiße Feder fallen lassen, die dir meinen Weg weisen sollen; und wenn du dieser Spur folgst, wirst du mich von dem Zauber erlösen können."

Und so flog das Täubchen davon, und sie ging ihm nach, und bei jedem siebenten Schritt fielen vor ihren Augen ein Tröpfchen Blut und eine weiße Feder zur Erde – und wiesen ihr den Weg.

So wanderte sie immer weiter und weiter über Gottes Erde, ohne sich umzublicken, und fast waren die sieben Jahre bereits vergangen: und sie begann sich schon zu freuen und dachte, sie würden bald von dem bösen Zauber erlöst sein, indessen stand ihnen bis dahin noch vieles zu erdulden!

Eines Tages, während sie ihren gewohnten Pfad verfolgte, hörten plötzlich die Blutstropfen und Federn auf, von oben herabzufallen, und als sie hinaufschaute, war das Täubchen ihren Augen entschwunden!

Es kam ihr der Gedanke, dass Menschen ihr in ihrer Not nicht helfen könnten; darum ging sie zur Sonne und sprach zu ihr: „Du erleuchtest alle Winkel und wanderst über die ganze weite Welt, hast du nicht gesehen, wie eine weiße Taube flog?" – „Nein", antwortete die Sonne, „keine weiße Taube habe ich gesehen; doch hier kann ich dir ein Kästchen schenken, das du erst öffnen sollst, wenn du dich am Rande des Verderbens befindest."

Sie dankte der Sonne und ging weiter, und wanderte bis zum Abend, und als der Mond aufging, fragte sie ihn: „Du leuchtest die ganze Nacht hindurch auf die dunklen Wälder, auf die feuchten Wiesen – hast du nicht gesehen, wie eine weiße Taube flog?" – „Nein", sprach der Mond, „ich habe keine Taube gesehen; doch hier schenke ich dir ein Ei, und dieses Ei zerbrich erst, wenn du dich am Rande des Verderbens befindest."

Sie dankte dem Mond, ging weiter und wanderte, bis der Nachtwind auf sie zu wehen begann. Da sprach sie auch zu ihm: „Du wehst überallhin, über die Bäume, über die Büschlein, über die Zweige, über die Blättlein – hast du nicht gesehen, wie eine weiße Taube flog?" – „Nein", antwortete ihr der Nachtwind, „ich habe keine weiße Taube gesehen; doch halt, ich will die anderen drei Winde fragen – vielleicht haben jene sie gesehen."

Der Ostwind und der Westwind hatten nichts gesehen; doch der Südwind sprach: „Ich habe die weiße Taube gesehen; sie flog zum Roten Meer und verwandelte sich dort wieder in einen Löwen, denn ihre sieben Jahre als Taube sind nun abgelaufen, und jener Löwe kämpft dort mit einem Drachen, und jener Drache ist nichts anderes als eine verwunschene Königstochter."

Da sprach der Nachtwind zu ihr: „Folgendes rate ich dir – gehe zum Roten Meer; dort wachsen am rechten Ufer hohe Ruten; zähle von ihnen die elfte ab, schneide sie ab und schlage damit den Drachen; dann wird auch der Löwe mit ihm fertig, und sowohl der Löwe als auch der Drache werden wieder ihre menschliche Gestalt erhalten. Dann blicke rings um dich herum und du wirst einen Geier sehen, der am Roten Meer sitzt; wirf dich zusammen mit deinem Liebsten auf seinen Rücken: er wird euch über das Meer heimtragen. Und jene Nuss, die du bei dir hast, lass fallen, wenn du mitten auf dem Meer bist, und sie wird sogleich aufgehen, und ein großer Nussbaum wird aus dem Wasser wachsen, auf welchem der Geier sich ausruhen kann, denn wenn er sich nicht mitten auf dem Meer ausruht, so reichen seine Kräfte nicht aus, euch über das Meer

übertragen. Vergiss nicht, die Nuss fallen zu lassen – sonst lässt der Greif euch selbst ins Meer fallen."

Sie kam zum Roten Meer und fand alles genau so vor, wie es ihr der Nachtwind gesagt hatte. Sie zählte die Ruten am Ufer und schnitt die elfte ab; sie schlug mit der Rute auf den Drachen, und der Löwe besiegte ihn – und sogleich verwandelten sich beide in Menschen.

Doch kaum war die Prinzessin, die in einen Drachen verwandelt gewesen war, von dem Zauber befreit, ergriff sie den Jüngling bei der Hand, schwang sich mit ihm zusammen auf den Rücken des Greifs und verschwand.

Da blieb die arme Wanderin wieder ganz allein, von allen verlassen, sank zur Erde nieder und begann zu weinen. Endlich fasste sie Mut und sprach: „Ich werde meinen Lieben suchen und ihn überall dort suchen, wo der Wind heult und wo der Hahn kräht, bis ich ihn finde."

Und sie ging, und ging lange oder kurz, bis sie zu jener Burg gelangte, wo ihr Gemahl mit der Prinzessin lebte. Dort hörte sie, dass in der Burg bald ihre Hochzeit gefeiert werden sollte, und sie rief Gott um Hilfe an, öffnete das Kästchen, das sie von der Sonne zum Geschenk erhalten hatte: In jenem Kästchen lag ein Kleid, das ebenso hell leuchtete wie die Sonne.

Sie nahm dieses Kleid heraus, zog es an und ging in die Burg, und alle Gäste, die zum Fest versammelt waren, sowie die Braut selbst blickten voll Staunen auf sie; und das Kleid gefiel der Braut so sehr, dass sie es selbst zur Hochzeit tragen wollte, und fragte: „Ist es käuflich?" – „Das Kleid ist nicht käuflich, sondern ein Vermächtnis", antwortete die Verlassene, „ich gebe es nicht für Gold, nicht für Silber, sondern für mein eigenes Gut."

Die Braut fragte, was sie damit sagen wolle. Und jene antwortete: „Erlaube mir, eine einzige Nacht in dem Zimmer zu schlafen, darin dein Bräutigam ruht." Die Braut willigte zunächst nicht ein, doch da sie das Kleid gerne haben wollte, gab sie schließlich nach, befahl jedoch dem Diener ihres Bräutigams, diesem für die Nacht einen Schlaftrunk zu geben.

Als die Nacht hereinbrach und der Jüngling bereits eingeschlafen war, wurde seine rechtmäßige Gattin in sein Schlafgemach geführt. Und so stand sie an seinem Hauptende und begann zu sprechen: „Sieben Jahre lang bin ich dir gefolgt, war bei der Sonne und beim Mond und bei allen vier Winden, habe überall nach dir gefragt, habe dir im Kampf gegen den Drachen geholfen – willst du mich denn ganz und gar vergessen?" Der Königssohn aber schlief so fest, dass er ihre Worte nicht hörte, und ihm dünkte nur, als rausche der Wind zwischen den Tannen...

Sobald der Morgen graute, wurde die Gattin wiederum aus dem Schlafgemach geführt, und sie musste der grausamen Braut ihr goldenes Kleid übergeben.

Als auch dies nichts half, geriet die unglückliche Gattin in tiefe Trauer, verließ die Burg, ging auf die Wiese, setzte sich dort nieder und begann zu weinen. Und während sie dort saß, erinnerte sie sich an das Ei, das ihr der Mond geschenkt hatte: Sie zerbrach es, und aus jenem Ei schlüpfte eine goldene Glucke mit zwölf goldenen Küchlein, die rings umherliefen und Futter pickten und sich dann wieder unter die Flügel ihrer Mutter duckten, und all dies war so schön, dass nichts auf der ganzen weiten Welt lieblicher war.

Da erhob sie sich, trieb sie vor sich her über die Wiese und trieb sie so lange, bis die Braut sie aus dem Fenster erblickte; und die kleinen Küchlein gefielen ihr so sehr, dass sie sogleich auf die Wiese hinabstieg und fragte: „Sind sie käuflich?" – „Ich verkaufe sie nicht für Gold, nicht für Silber", antwortete die verlassene Gattin, „sondern für mein eigenes Gut; erlaube mir noch eine Nacht, in dem Zimmer zu schlafen, darin dein Bräutigam ruht."

Die Braut willigte ein und wollte sie betrügen, wie schon beim ersten Mal. Als jedoch der Königssohn in sein Schlafgemach kam, fragte er den Diener, was dieses Murmeln und Geräusch zu bedeuten habe, das er in der vergangenen Nacht gehört hatte.

Der Diener erzählte ihm, er sei gezwungen gewesen, ihm einen Schlaftrunk zu geben, weil irgendeine unglückliche Frau heimlich eine Nacht in seinem Zimmer verbracht habe; und dass ihm auch für diese Nacht befohlen worden sei, dem Königssohn einen Schlaftrunk zu geben. „Schütte den Trunk neben meinem Bett aus", sagte der Königssohn zu ihm.

Und so wurde mit Einbruch der Nacht wiederum seine rechtmäßige Gattin in sein Schlafgemach geführt, und als sie begann, ihm von ihrem Leid und ihren Drangsalen zu erzählen, erkannte er sogleich an ihrer Stimme seine liebe Gattin, stürzte auf sie zu und rief aus: „Erst jetzt bin ich durch dich von dem Zauber erlöst, denn bis dahin wandelte ich wie im Traum, weil diese fremde Prinzessin mich verzaubert und versucht hat, mich von dir abwendig zu machen, doch Gott hat mich zur rechten Zeit zur Besinnung gebracht."

Und so flohen sie heimlich bei Nacht aus der Burg, aus Furcht vor dem Vater der Prinzessin, dem bösen Zauberer, setzten sich auf den Greif, der sie über das Rote Meer trug; und als sie sich mitten auf dem Meer befanden, ließ sie ihre verheißene Nuss fallen.

Sofort wuchs daraus ein großer Nussbaum, auf dem der Greif sich ausruhen konnte, und brachte sie sodann nach Hause, wo sie ihr Kind bereits herangewachsen und schöner geworden vorfanden.

Und sie lebten dort bis an ihr Ende in Wohlstand und Glück.