Kunstmärchen

Psyche

Die Geschichte eines jungen Bildhauers in Rom, der zwischen weltlicher Leidenschaft, künstlerischem Idealismus und religiöser Entsagung schwankt, wobei nur sein Kunstwerk, die Statue der Psyche, die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens überdauert.

PDF

Psyche

Im Morgengrauen brennt ein großer, heller Stern im rötlichen Himmel des frühen Tages. Sein Strahl zittert an der weißen Wand, als wolle er darauf Geschichten zeichnen von allem, was er hier und dort auf unserer sich drehenden Erde gesehen hat. So höre denn eine seiner Geschichten!

— Vor kurzem (für einen Stern bedeutet „vor kurzem" ein Ereignis, das für uns Menschen mehrere Jahrhunderte zurückliegt) verfolgten meine Strahlen einen jungen Künstler; er lebte in der päpstlichen Hauptstadt, in der Weltstadt Rom. Vieles hat sich dort im Laufe der Zeit verändert, obwohl solche Wandlungen keineswegs so schnell geschehen, wie ein Mensch vom Kind zum Greis wird. Der Kaiserpalast war bereits damals eine Ruine; zwischen den zu Staub gestürzten marmornen Säulen und über den mit Gold bemalten Wänden halbzerfallener Thermen erhoben sich Feigen- und Lorbeerbäume. Auch das Kolosseum bot nur noch Trümmer dar. Doch die Kirchenglocken läuteten; Weihrauch dampfte; durch die Straßen zogen Prozessionen mit Kerzen und leuchtenden Baldachinen. Rom war eine Stadt kirchlicher Pracht, doch auch hier blühte die Kunst und wurde hoch verehrt. In Rom lebten der größte Künstler der Welt, Raffael, und der größte Bildhauer des Mittelalters, Michelangelo. Der Papst selbst erwies beiden Ehre und würdigte sie seiner Besuche. Die Kunst wurde anerkannt, geehrt und belohnt. Doch natürlich wurde nicht alles Würdige bemerkt und mit Lohn bedacht.

In einer kleinen, engen Gasse stand ein altes Haus, das einst ein Tempel gewesen war. In diesem Haus wohnte ein junger Bildhauer, arm und unbekannt. Doch er hatte natürlich Freunde, ebenfalls junge Künstler, jung an Seele, reich an Hoffnungen und Gedanken. Sie sagten ihm, er besäße großes Talent und sei einfach töricht, wenn er selbst dies nicht glauben könne. Und tatsächlich zertrümmerte er beständig das, was er am Vortag geschaffen hatte, war niemals mit seiner Arbeit zufrieden und führte sie nie zu Ende – was doch notwendig ist, denn wer würde sie sonst sehen, anerkennen und dafür bezahlen?

— Du bist ein Träumer! — sagten ihm seine Freunde. — Und darin liegt dein Unglück! Alles dies geschieht darum, weil du noch nicht gelebt hast, wie es sich gehört, das Leben nicht gekostet, den Nektar des Lebens nicht in gierigen Zügen getrunken hast. Doch gerade in der Jugend muss man sich mit dem Leben völlig vereinigen! Hier hast du ein Beispiel – den größten Künstler der Welt, Raffael; ihn ehrt der Papst selbst, die ganze Welt bewundert ihn, und er isst und trinkt wie alle anderen, verzichtet auf nichts!

— Sogar nicht auf die schöne Bäckerstochter, die herrliche Fornarina! — sagte Angelo, einer der ersten Lustigmacher unter der jungen Gesellschaft.

Und vieles andere noch redeten sie! Sie sprachen, was ihnen ihre Jugend, ihr Verstand und ihr Wunsch eingaben, den jungen Künstler in den Wirbel von Fröhlichkeit, Scherzen – ja vielleicht sogar Torheiten – hineinzuziehen. Manchmal war auch er selbst nicht abgeneigt: sein Blut war heiß, seine Seele glühend, und er konnte an fröhlichen Gesprächen teilnehmen, von Herzen lachen wie kein anderer! Dennoch erschien ihm das sogenannte fröhliche Leben Raffaels wie ein Dunst, ein Nebel im Vergleich zum göttlichen Glanz, in dem die Bilder des großen Meisters strahlten. Und wie bewegte sich seine Brust, wenn er im Vatikan vor den Bildern unvergänglicher Schönheit stand, die von Künstlern alter Zeiten aus Marmor gemeißelt worden waren! Welche Erhebung des Geistes empfand er dann, welche Kraft, welches heilige Feuer brannte in seinem Herzen! In ihm entflammte der Wunsch, aus Marmor ähnliche Gestalten zu schaffen. Er wollte in Marmor jenes Gefühl verkörpern, das aus der Tiefe seiner Seele zum Ewigen und Unendlichen emporstreben wollte. Doch wie sollte er es wiedergeben, in welcher Gestalt? Der weiche Ton fügte sich gehorsam unter seinen Fingern zu schönen Formen, doch am nächsten Tag zerstörte er, wie immer, das am Vortag Geschaffene.

Einmal ging er an einem der zahlreichen prächtigen römischen Palazzi vorbei, blieb vor dem großen offenen Tor stehen und sah innerhalb des Hofes, hinter bemalten Arkaden, einen kleinen Garten, voll duftender Rosen. Saftige grüne Blätter des Schlangenkrauts badeten in einem marmornen Becken, gefüllt mit klarem Wasser. Da huschte vor seinen Augen eine Erscheinung vorbei – ein junges Mädchen, die Tochter des Hausherrn. Wie zart, wie luftig, wie liebreizend war sie! Nie im Leben hatte er eine solche Frau gesehen! Ach nein, doch hatte er sie gesehen, in einem der römischen Palazzi, auf einem Gemälde Raffaels, als Abbild der Psyche. Dort war sie in Farben gemalt, hier erschien sie ihm lebendig.

Sie prägte sich hell in sein Herz und seine Gedanken; zurückgekehrt in seine arme Werkstatt, begann er, aus Ton die Psyche zu formen – eine vornehme junge Römerin – und zum ersten Mal blieb er mit seiner Arbeit zufrieden. Sie hatte in seinen Augen Bedeutung – denn es war ja ihr Abbild!

Die Freunde, als sie die Statue sahen, jubelten laut: in dieser Arbeit habe sich sein künstlerisches Talent außerordentlich hell ausdrückt; bisher hätten nur sie ihn anerkannt, nun werde ihn die ganze Welt anerkennen!

Der Ton gibt zwar die Lebendigkeit des Körpers trefflich wieder, besitzt aber weder die Weiße noch die Festigkeit des Marmors; die Psyche musste in Marmor erstehen, und der Künstler besaß sogar dieses kostbare Material: im Hof lag seit langen Jahren ein Marmorblock, der noch seinen Eltern gehört hatte. Darauf häufte sich allerlei Abfall, Glasscherben, Gemüseabschnitte; all dies beschmutzte und befleckte ihn außen, doch innen strahlte der Marmor in schneeweißer Reinheit; aus ihm sollte die Psyche erstehen.

An einem schönen Tag – der Stern erzählt nichts davon, er sah es nicht, doch wir wissen, dass es so geschah – suchte eine vornehme Gesellschaft die enge, arme Gasse auf; die Besucher ließen ihre Kutsche unweit des Hauses stehen und gingen zu Fuß zur Wohnung des Künstlers. Sie kamen, um seine Arbeit zu betrachten, von der sie zufällig gehört hatten. Wer waren sie? Armer Jüngling! Oder besser: allzu glücklicher Jüngling! In seinem Atelier stand sie, die junge Schönheit selbst! Und wie lächelte sie, als ihr Vater sagte: „Das bist ja du, lebendig!" Dieses Lächeln ließ sich nicht wiedergeben, dieser Blick des Staunens nicht darstellen! Er erhob, veredelte und – stürzte zu Boden!

— Die Psyche muss aus Marmor gemeißelt werden! — sagte der vornehme Besucher. Und diese Worte erweckten den toten Ton und den schweren Marmorblock zum Leben, ebenso wie den höchst erregten Künstler selbst. — Sobald die Arbeit vollendet ist, kaufe ich sie! — fügte der vornehme Römer hinzu.

Wie eine neue Epoche brach in der armen Werkstatt an; Leben, Freude und Arbeit brausten auf. Der leuchtende Morgenstern betrachtete, wie die Arbeit voranschritt. Der Ton selbst schien seit ihrem Besuch lebendig geworden zu sein und fügte sich gehorsam unter der Hand des Künstlers zu den gewünschten Formen, gab die vertrauten Züge wieder. Bald strahlten sie in höchster, vollkommener Schönheit.

— Nun weiß ich, was leben heißt! — jubelte der Künstler. — Das bedeutet: lieben, sich zum Erhabenen hingezogen fühlen, das Schöne bewundern! Was jedoch meine Gefährten Leben nennen, ist Betrug, sind Blasen, die auf gärender Hefe aufsteigen, und nicht der reine, himmlische Trank, der den Menschen am wahren Leben teilhaben lässt!

Der Marmorblock wurde auf ein Podest gehoben, und Stück für Stück begann man, Teile davon abzuschlagen. Der Künstler maß, setzte Striche und Punkte, und allmählich war die grobe Arbeit getan, der Stein nahm die Formen eines lebendigen Körpers an, die Umrisse eines göttlich-schönen Abbildes einer jungen Frau. Der schwere Stein verwandelte sich in eine luftige, schwebende, liebreizende Psyche, die mit himmlischem Lächeln lächelte, für immer eingeprägt im Herzen des jungen Bildhauers.

Der Stern, der am rötlichen Morgenhimmel leuchtete, sah all dies und verstand wahrlich, was in der Seele des jungen Mannes vorging, verstand auch die Röte, die auf seinen Wangen aufflammte, und den Glanz seiner Augen, während er Gottes Geschöpf in Marmor verkörperte.

— Du bist ein Meister, wie sie zu Zeiten der alten Griechen lebten! — sagten ihm seine begeisterten Freunde. — Bald wird die ganze Welt deine Psyche bewundern!

— Meine Psyche! — wiederholte er. — Meine! Ja, sie muss mir gehören! Und ich bin ein Künstler wie meine großen Vorgänger. Der barmherzige Gott hat mir Talent verliehen, mich erhöht wie seinen Auserwählten! Ich stehe keinen geborenen Aristokraten nach!

Und er fiel auf die Knie und dankte Gott unter Tränen, vergaß Ihn dann wieder um ihretwillen, um ihres marmornen Abbildes willen, um der Psyche willen, die gleichsam aus Schnee geformt und von der Morgensonne gerötet schien.

Doch ihm stand bevor, sie lebendig zu sehen, schön, luftig, erneut ihre musikalische Stimme zu hören! Er musste in den prächtigen Palazzo kommen mit der Nachricht, dass die marmorne Psyche vollendet sei. Und er kam dorthin; ging durch den Hof, vorbei an dem marmornen Becken, wohin Wasser aus dem Rachen von Delphinen strömte und wo Schlangenkraut sowie frische, üppige Rosen in Fülle wuchsen, und trat dann ein

in eine geräumige, hohe Vorhalle. Wände und Decke waren mit Gemälden und Wappen bemalt; prächtig gekleidete Diener, stolz und mit Schellen behängt wie Pferde während des Karnevals, gingen die Treppen auf und ab; einige lagen faul auf geschnitzten Bänken; es schien, als seien sie die Herren im Hause! Der junge Mann sagte, warum er gekommen war, und man führte ihn eine glatte Marmortreppe hinauf, die mit weichen Teppichen belegt war; zu beiden Seiten standen Statuen; dann durchschritt der junge Mann eine Enfilade luxuriöser, mit Bildern geschmückter Gemächer mit glänzenden Mosaikböden. Beim Anblick all dieses Luxus wurde ihm irgendwie unwohl, ihm stockte der Atem, doch bald überwand er dieses Gefühl, und ihm ward wieder leicht. Der alte vornehme Herr empfing ihn sehr freundlich, fast freundschaftlich, und schlug ihm nach einem Gespräch vor, zur jungen Signora zu gehen – auch sie wünsche den Künstler zu sehen. Die Diener führten ihn erneut durch die prunkvollen Gemächer und Säle, und so gelangte er in das Zimmer der Signora, dessen schönste Zierde sie selbst war.

Sie begann mit ihm zu sprechen; kein Miserere, kein kirchlicher Hymnus hätte das Herz so erschüttern, die Seele so erregen können! Er ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen; die Hand war weicher, zarter als ein Rosenblatt, doch von diesem Blatt ging Feuer aus! Es durchbrannte den jungen Mann bis ins Mark, hob ihn hoch, ganz hoch empor! ... Und aus seinem Mund strömten Worte, für die er sich selbst keine Rechenschaft geben konnte. Weiß denn der Krater, was er an glühender Lava ausspeit? Er gestand ihr seine Liebe. Sie stand da, betroffen, empört, stolz, mit einem Ausdruck eklen Abscheus im Gesicht, als habe sie plötzlich eine nasse Frosch berührt. Ihre Wangen brannten vor Feuer; ihre Lippen waren ganz bleich geworden; schwarze, wie die Nacht dunkle Augen schleuderten Blitze.

– Wahnsinniger! – sagte sie. – Hinweg! Hinweg! – und wandte ihm den Rücken zu. Das schöne Gesicht nahm den Ausdruck jenes berühmten versteinerten Hauptes an, das Schlangen statt Haare trug.

Niedergeschlagen, eingefallen, hilflos schlenderte er wie ein Schlafwandler durch die Straßen. Erst zu Hause kam er wieder zu sich, und hier, in einem Anfall von Raserei und Verzweiflung, packte er einen Hammer, holte zum Schlag aus und wollte die schöne Marmorstatue zertrümmern. Er bemerkte nicht, dass sein Freund Angelo hinter ihm stand. Angelo packte ihn mit Kraft am Arm.

– Bist du von Sinnen?! Was ist mit dir?

Ein Kampf begann; Angelo war stärker, und der junge Bildhauer stürzte, schwer atmend, auf einen Stuhl.

– Was ist geschehen? – fuhr Angelo fort. – Komm zu dir! Sprich!

Doch was konnte er sagen? Was konnte er erzählen? Angelo erreichte nichts von ihm und winkte ab.

– Dein Blut ist einfach durch deine ewigen Träumereien geronnen! Sei doch ein Mensch wie wir alle, lebe nicht nur von Idealen – du hältst es nicht aus! Trink ein wenig Wein, du wirst sehen, wie wunderbar du schlafen wirst! Nimm dir als Arzt ein schönes Mädchen. Die Mädchen der Campagna sind liebreizend, nicht schlechter als Prinzessinnen aus marmornen Palästen: beide sind ja Töchter Evas, und im Paradies kann man sie nicht unterscheiden! Komm mit mir! Ich will dein Schutzengel sein! Und wenn die Zeit kommt – du wirst alt werden, der Körper wird gebrechlich, und eines schönen Tages, wenn ringsum alles sich in der Sonne freut und jubelt, wirst du daliegen wie ein verdorrtes Hälmchen, das nicht mehr wachsen kann! Ich glaube nicht dem, was die Patres sagen – dass uns hinter dem Grab ein anderes Leben erwarte, das ist ein schöner Traum, ein Kindermärchen, ziemlich tröstlich, wenn man daran glaubt. Doch ich hinge keinen Träumen nach, sondern lebe in der Wirklichkeit. Komm mit mir! Sei ein Mensch!

Und er zog ihn mit sich fort; dies gelang ihm in jenem Augenblick: im Blut des jungen Bildhauers brannte ein Feuer, in seiner Seele vollzog sich eine Umwälzung, ein unwiderstehliches Verlangen erwachte, mit allem Alten, Gewohnten zu brechen, sich von seinem früheren Ich loszureißen. Darum folgte er Angelo.

Am Rand Roms lag ein beliebtes Wirtshaus der Künstler; es war in einem erhaltenen Teil alter Thermen eingerichtet; die alten gelb-roten Mauern verbargen sich hinter dunklem, glänzendem Grün von Zitronenbäumen, durch das goldene, große Früchte schimmerten. Das Wirtshaus befand sich unter einem tiefen Gewölbe, sodass es einer Höhle glich. Drinnen brannte vor einem Bild der Gottesmutter eine Lampe; im Herd loderte das Feuer; hier wurde gebraten, gekocht und gebacken; im Garten standen im Schatten von Zitronen- und Lorbeerbäumen einige gedeckte Tische.

Freunde empfingen die Neuankömmlinge mit offenen Armen, und Fröhlichkeit entflammte. Man aß ein wenig, trank ordentlich – das heitert auf und stärkt den Mut – und begann zu singen und Gitarre zu spielen. Eine Saltarella erklang, und der Tanz begann. Zwei junge Römerinnen, Modelle der Künstler, wirbelten im Reigen herum. Zwei herrliche Bakchantinnen! Ja, sie glichen nicht der Psyche, waren keine zarten, schönen Rosen, sondern frische, saftige, üppige Nelken.

Welche Hitze herrschte an diesem Tag! Sie dauerte sogar nach Sonnenuntergang fort! Feuer im Blut, Feuer in der Luft, Feuer in den Blicken! Die Luft schimmerte in Gold und Rosen, es schien, als sei das ganze Leben erfüllt von Gold und Rosen!

– Nun, endlich bist du bei uns! Gib dich dem Strom des Lebens hin!

– Nie noch fühlte ich mich so gesund und fröhlich! – sagte der junge Künstler. – Du hast recht, ihr habt alle recht, ich war ein Narr, ein Träumer! Der Mensch gehört dem wirklichen Leben, nicht der Phantasie!

Singend, begleitet von Gitarren, verließen die jungen Leute das Wirtshaus und wanderten durch die Gassen der Stadt; der Abend war klar und sternenhell. Die beiden prächtigen Nelken, Töchter der Campagna, begleiteten sie.

In Angelos Zimmer, das überall verstreut mit Skizzen, Blättern und Bildern bedeckt war, welche Szenen voller Schönheit und Leidenschaft darstellten, klangen die Stimmen gedämpfter, doch ebenso fröhlich und leidenschaftlich. Auf dem Boden lagen Zeichnungen, die Töchter der Campagna in allerlei Gestalten zeigten; die Zeichnungen atmeten Leben und Schönheit, doch die Mädchen selbst waren noch weit schöner. Ein sechsarmiger Leuchter brannte mit allen seinen Flammen, und in ihrem Licht trat die Schönheit der Mädchen noch strahlender hervor: aus dem irdischen Abbild schimmerte das Bild der Gottheit hindurch.

„Apollo! Jupiter! Ich erhebe mich zu euch, zum Himmel! In meinem Herzen scheint sich gleichsam die Blume des Lebens zu entfalten!"

Ja, sie hatte sich entfaltet ... welkte und fiel ab, betäubende Dünste verbreitend. Das Gesicht erbleichte, die Gedanken verwirrten sich ... Das Feuerwerk der Leidenschaften erlosch, und Finsternis brach herein.

Er gelangte nach Hause, warf sich aufs Bett und kam erst dann etwas zu Besinnung. „Pfui!" entrang es sich seinen Lippen, aus der Tiefe seines Herzens. „Unglückseliger! Hinweg! Hinweg!" Und er seufzte bitter und tief.

„Hinweg! hinweg!" – diese Worte der lebendigen Psyche hallten unablässig in seinem Herzen wider, brachen sich von seinen Lippen. Er ließ den Kopf auf das Kissen sinken, seine Gedanken verwirrten sich, und er schlief ein.

Im Morgengrauen erwachte er und erinnerte sich an den vorigen Tag. Was war gestern geschehen? War nicht alles nur ein Traum gewesen? Und ihre grausamen Worte, das Gelage im Wirtshaus, der Abend, verbracht in Gesellschaft der purpurnen Nelken der Campagna? ... Nein, all dies war wirklich geschehen, war Wirklichkeit, eine neue Wirklichkeit für ihn!

Am rötlichen Himmel leuchtete ein heller Stern; seine Strahlen fielen auf den Bildhauer und auf die marmorne Psyche. Und er erzitterte, als er dieses unvergängliche Abbild betrachtete: es dünkte ihm, sein unreiner Blick wage es nicht länger, sie anzusehen. Hastig warf er ein Tuch über die Statue; dann wollte er es wieder wegnehmen und die Psyche enthüllen, doch nein! Er war nicht mehr imstande, sein eigenes Werk anzublicken!

Still, düster, ganz in sich versunken, saß er diesen langen Tag über, ohne zu wissen, ohne zu begreifen, was um ihn her geschah, und niemand wusste, was in ihm selbst vorging.

Tage vergingen nach Tagen, Wochen nach Wochen; besonders lang dehnten sich die Nächte. Eines Morgens sah der helle Stern, wie er, tödlich blass, zitternd wie im Fieber, aus dem Bett sprang, zur Marmorstatue eilte, das Tuch von ihr riss, sein Werk mit langem, schmerzlichem Blick betrachtete und sie dann, fast erliegend unter ihrer Schwere, in den Garten schleppte. Dort befand sich ein tiefer, ausgetrockneter Brunnen, eher eine Grube; in diese hinabließ er seine Psyche, überschüttete sie mit Erde und bedeckte das frische Grab mit Reisig und Brennnesseln.

„Hinweg! hinweg!" – kurz war die Grabrede.

Der Stern sah all dies vom rosigen Firmament herab, und seine Strahlen zitterten in zwei großen Tränen, die über die blassen Wangen des jungen Mannes rollten, der vom Fieber befallen worden war – tödlich befallen. So sprach man von ihm, als er im Bett lag.

Der Mönch, Bruder Ignatius, wurde für ihn zum Freund und Arzt. Er trat an das Lager des Kranken mit Worten religiösen Trostes, sprach vom Frieden, vom Glück, das die Kirche schenkt, von der Sündhaftigkeit des Menschen, von der Barmherzigkeit Gottes und der Erlösung durch Ihn.

Seine Worte waren Sonnenstrahlen, die auf den feuchten, gepflügten Boden fielen, und aus ihm stiegen Dünste auf, die zu Wolken wurden – zu gedanklichen Bildern, die zugleich auch wirklich waren. Von diesen luftigen, im Raum gleitenden Inseln begann der junge Mann hinab auf das menschliche Leben zu blicken; alles daran war Täuschung, Enttäuschung, zumindest für ihn! Selbst die Kunst war eine Zauberin, die uns in die Sünde eitler irdischer Eitelkeit verstrickt! Wir lügen sowohl uns selbst als auch unseren Freunden und Gott. Die Schlange, die in uns verborgen ist, flüstert uns zu: „Koste davon, und du wirst wie Gott sein!"

Erst jetzt – so schien es ihm – hatte er sich selbst verstanden, den Weg der Wahrheit und des Friedens erkannt. In der Kirche war Gottes Licht und klarer Friede, in der Mönchszelle Ruhe; nur dort konnte der Baum menschlichen Lebens zur Ewigkeit emporwachsen!

Bruder Ignatius festigte diese Gedanken in ihm, und er fasste seinen Entschluss: Das Kind des Lichts wurde zum Diener der Kirche, der junge Bildhauer entsagte der Welt und zog ins Kloster ein.

Wie herzlich, wie liebevoll begrüßte ihn die Bruderschaft! Wie feierlich war die Weihe! Gott selbst, so dünkte es ihm, war in der Kirche gegenwärtig, in den sie durchflutenden Sonnenstrahlen, im Glanz, der die Antlitze der Heiligen und die Kreise umgab. Und als er abends beim Untergang der Sonne am offenen Fenster seiner kleinen Zelle stand, überblickte er das alte Rom, die zerstörten Tempel, das majestätische, doch tote Kolosseum, sah all dies im Frühlingsschmuck blühender Akazien, frischen Efeugrüns, üppiger Rosen, goldener Orangen und prächtiger Fächerpalmen und empfand in seiner Brust eine solche Fülle der Seligkeit, wie er sie nie zuvor gekannt hatte! Das offene, stille Tal der Campagna lief hinaus zu den glänzenden, schneebedeckten Bergen, gleichsam an den Himmel gemalt. Alles verschmolz, atmete Frieden und Schönheit, alles schien gleichsam zu träumen, sich in Träumen aufzulösen, die ganze Welt war ein Traum!

Ja, die Welt war ein Traum, und ein Traum kann den Menschen für eine oder zwei Stunden bezwingen, dann wieder für einige Zeit zurückkehren, doch das Leben im Kloster sollte Jahre währen – viele, lange Jahre!

Und er musste sich eingestehen, dass vieles aus dem Inneren des Menschen hervorgeht, was ihn befleckt! Was war das für ein Feuer, das ihn zeitweise verzehrte? Was war das für eine Quelle des Bösen in ihm, die trotz seines Widerstands nach außen brach? Und er geißelte sein Fleisch, doch die Quelle des Bösen versiegte nicht. Was zwang seinen Geist, sich wie eine Schlange um sein Gewissen zu winden und zusammen mit ihm unter den Mantel göttlicher Liebe zu kriechen? Wessen Stimme flüsterte ihm zu: „Die Heiligen beten doch für uns, die Gottesmutter ebenfalls, und Jesus Christus selbst hat für uns sein Fleisch und Blut hingegeben!" War es kindisches Wesen oder Leichtfertigkeit, dass er sich unter den Schutz der Höchsten Gnade begab und sich über die anderen Menschen erhoben fühlte? Aber ja! Er hatte doch die weltliche Eitelkeit von sich gestoßen, war ein Sohn der Kirche geworden!

Eines Tages, viele Jahre später, begegnete er Angelo; dieser erkannte ihn.

„Nun sieh!", sagte Angelo. „Also bist du es! Bist du nun glücklich? Du hast gegen Gott gesündigt, Sein Geschenk verworfen, dein Talent zugrunde gerichtet. Lies das Gleichnis von den anvertrauten Talenten! Der Lehrer, der es erzählte, brachte die Wahrheit in die Welt! Nun, was hast du erreicht, worin bist du gelangt? Hast du dir nicht das Leben eines müßigen Träumers geschaffen? Hast du dir nicht deine eigene Religion geschaffen, wie alle Mönche? Und was, wenn all dies nur Traum, Fantasie, schöne Erdichtung ist?"

„Weiche von mir, Satan!", sprach der Mönch und wandte sich von Angelo ab. „Das ist der Teufel selbst! Ich habe ihn heute mit eigenen Augen gesehen!", flüsterte der Mönch. „Ich reichte ihm einst einen Finger, und er packte meine ganze Hand!... Nein!", seufzte er später, „das Böse ist in mir selbst! Auch in diesem Menschen ist Böses, doch er erliegt nicht seiner Last, trägt das Haupt hoch, ist glücklich! Ich aber suche Glück in den Tröstungen der Religion... Und was, wenn dies wirklich nur Trost ist?... Was, wenn auch dies, wie alles, dessen ich in der Welt entsagt habe, nur eine schöne Erdichtung ist, ein Betrug, wie die Schönheit der rosigen Abendwolken, wie die blaue, wogende Ferne hinter den Bergen?! Denn aus der Nähe erweist sich alles als anders! O Ewigkeit! Du gleichst einem großen, grenzenlosen, stillen Ozean, lockst, rufst uns zu dir, erfüllst unsere Seele mit Ahnungen, doch wenn wir zu dir gelangen, versinken wir vielleicht im Abgrund, verschwinden, sterben... hören auf zu existieren! Betrug! Hinweg! Hinweg!"

Ohne Tränen, in sich selbst versunken, stand er auf seinem harten Lager, die Knie gebeugt – vor wem? Vor einem steinernen Kruzifix, das in die Wand eingelassen war? Eine bloße Gewohnheit ließ ihn die Knie beugen!

Je tiefer er in seine Seele blickte, desto dunkler erschien sie ihm: Leere innen, Leere außen! „Umsonst habe ich mein Leben zugrunde gerichtet!" Und die Gedanken rollten und wuchsen wie eine Schneekugel, wuchsen, drückten, tilgten ihn von der Erde.

„Und niemand wage ich diesen Wurm zu offenbaren, der an meiner Seele nagt!

Mein Geheimnis ist mein Gefangener; lasse ich ihn frei, werde ich zu seinem Gefangenen!"

Und ein Teil des göttlichen Geistes in ihm litt und kämpfte weiter.

„Herr, Herr!", betete er in Verzweiflung. „Erbarme Dich meiner, sende mir Glauben!... Ich habe Dein Geschenk – mein Talent – in die Erde vergraben! Mir fehlte die Kraft, Du hast sie mir nicht gegeben! Die unsterbliche Psyche in meiner Brust... Hinweg, hinweg!... Auch sie wird der Erde übergeben werden, wie jener, der beste Schimmer meines Lebens!... Niemals wird sie aus ihrem Grab auferstehen!"

Ein Stern leuchtete am rötlichen Himmel. Auch er wird einmal erlöschen, verschwinden, doch die Seelen werden ewig leben und leuchten! Ein zitternder Strahl fiel auf die weiße Wand, zeichnete darauf jedoch nichts von der Größe Gottes, von Seiner Gnade und Liebe, deren Widerhall in der Seele jedes Gläubigen erklingt.

„Nein, Psyche ist hier, in mir, wird niemals sterben!... Bewusst leben?.. Kann das Unbegreifliche geschehen?.. Ja, ja! Unbegreiflich ist mein Ich! Unbegreiflich bist auch Du, Herr! Deine ganze Welt ist unbegreiflich! Sie ist ein Wunder Deiner Kraft, Deiner Herrlichkeit und... Liebe!.."

Seine Augen erstrahlten und erloschen für immer. Glockenklänge geleiteten ihn ins Grab. Er wurde in Erde begraben, die aus Jerusalem gebracht und mit dem Staub frommer Verstorbener vermischt worden war.

Nach Verlauf einiger Jahre hob man sein Skelett heraus, wie die Skelette aller vor ihm verstorbenen Mönche, hüllte es in ein dunkles Habit, legte ihm einen Rosenkranz um die Hand und stellte es in eine Nische, die aus menschlichen Knochen gefügt war, die auf dem Klosterfriedhof gefunden worden waren. Dorthin schien die Sonne, dorthin drang der wohlriechende Weihrauchrauch, die Klänge der Gebete.

Viele Jahre vergingen.

Die Knochen der Skelette zerfielen; die Schädel sammelte man und schichtete sie in Reihen, sodass sie eine ganze Umfriedung um die Kirche bildeten. Unter anderem lag dort unter den brennenden Sonnenstrahlen auch der Schädel des Bildhauers; viele, viele waren es dort, doch niemand wusste, wem sie gehörten, kannte auch seinen Namen nicht. Und siehe, eines Tages blitzte im Licht der Sonne etwas Lebendiges in den Augenhöhlen des Schädels auf. Was war das? Eine bunte Eidechse war in den leeren Schädel gekrochen und huschte hin und her durch die offenen Augenhöhlen. So war wiederum Leben im Haupt, in jenem selben Haupt, wo einst große Gedanken wandelten, Träume leuchteten, Liebe zur Kunst, zu allem Schönen wohnte, wo heiße Tränen rollten, wo die Hoffnung auf Unsterblichkeit lebte! Die Eidechse sprang hinaus und verschwand; der Schädel vermoderte; wurde zu Staub im Staube.

Jahrhunderte vergingen. Der helle Stern leuchtete unverändert, ebenso hell und groß, wie er es seit Jahrtausenden gewesen war; der Himmel schimmerte purpurn, zart wie Purpur von Rosen, rot wie Blut.

Dort, wo einst eine schmale Straße verlief, auf der sich die Ruinen eines Tempels befanden, erstreckte sich nun ein Platz, und darauf erhob sich ein Frauenkloster. Im Garten grub man ein Grab; eine junge Nonne war gestorben, und an diesem Morgen wollte man sie bestatten. Plötzlich stieß die Hacke auf einen Stein, der blendend weiß glänzte. Weißer Marmor kam zum Vorschein, er rundete sich zur Schulter, dann wurde der ganze Arm sichtbar. Man handhabte die Hacke vorsichtiger, und aus der Erde tauchte ein Frauenhaupt auf, dann die Flügel eines Schmetterlings... Aus dem Grab, wohin man den Leib der jungen Nonne hatte versenken wollen, barg man im Licht der rosigen Morgendämmerung die wunderbare Statue der Psyche, gemeißelt aus weißem Marmor. „Wie reizend sie ist! Welche Vollkommenheit! Ein Denkmal der Kunst aus besten Zeiten!", sagten die Leute. „Wer hat sie geschaffen?" Niemand wusste es, niemand, außer dem seit Jahrtausenden leuchtenden Morgenstern. Er allein kannte das irdische Leben des Schöpfers der Psyche, seine Prüfungen, seinen Glauben an die menschliche Würde und Schwäche. Die vergängliche Hülle hatte aufgehört zu leben, war zu Staub zerfallen, wie es sein muss, doch das Ergebnis seines Strebens, die Verkörperung des in ihm verborgenen göttlichen Funkens – Psyche blieb!... Und sie wird niemals sterben, sie wird sogar das Andenken an ihren Schöpfer überdauern, wird hier auf Erden als Abglanz seiner unsterblichen Seele dienen! Und so fand man sie, schätzte sie und liebte sie! Der klare Morgen

Ein Stern, der am rötlichen Himmel brannte, übergoss Psyche mit seinem zitternden Licht und erhellte die selig lächelnden Lippen und Augen der Zuschauer, die in stummer Verzückung die aus Marmor gemeißelte Seele betrachteten.

Alles Irdische verwest, zerfällt zu Staub, wird vergessen; nur der Stern, Zeuge unendlicher Zeiten, erinnert sich seiner; alles Himmlische aber strahlt selbst und lebt im Gedächtnis. Doch auch dieses Gedächtnis kann erlöschen, während Psyche ewig lebt!