Kunstmärchen

Der glückliche Prinz

Eine goldene Statue eines Prinzen und eine kleine Schwalbe opfern sich selbstlos, um das Leid der Armen in ihrer Stadt zu lindern, wobei sie erkennen, dass wahres Glück in Mitgefühl und nicht in materiellem Reichtum liegt.

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Der glückliche Prinz

In einer gewissen Stadt stand auf einem hohen Sockel die Statue des Glücklichen Prinzen. Der Prinz war vergoldet – ganz und gar – mit dünnen Blättchen aus Gold. Statt Augen hatte er Saphire, und ein großer scharlachroter Rubin funkelte an seinem Degen.

Wahrlich, das war ein überaus schöner Prinz!

– Er ist so zierlich wie ein Wetterhahn auf dem Turm! – bemerkte einer der hiesigen Würdenträger über ihn, der sich durch feines Kunstverständnis Ruhm erwerben wollte. – Doch natürlich ist der Wetterhahn viel nützlicher, – fügte er hinzu, aus Furcht, man könnte vermuten, er achte nicht auf die Interessen des Volkes.

Und tatsächlich achtete er nicht darauf.

– Sieh dir den Glücklichen Prinzen zum Beispiel an, – sagte eine zärtliche Mutter zu ihrem Bub, der immerfort weinte, weil man ihm den Mond geben sollte. – Der Glückliche Prinz macht nie Launen.

– Ach, ich bin sehr, sehr froh, dass es auf der Welt wenigstens noch einen Glücklichen gibt, – flüsterte ein düsterer Menschenfeind, indem er die prächtige Statue betrachtete.

– Wahrlich, er sieht aus wie ein echter Engel! – riefen Schulknaben, die ordentlich gekleidet in leuchtend purpurnen Kleidern und weißen Schürzchen aus der Kirche kamen.

– Woher wisst ihr das alles? – fragte der Mathematiklehrer. – Ihr habt doch niemals einen einzigen Engel gesehen.

– Ja, aber wir sehen sie oft, wenn wir träumen, – antworteten die Schulknaben.

Der Mathematiker runzelte die Stirn und blickte sie streng an. Diese kindischen Träumereien waren ihm nicht recht.

Eines Nachts flog eine Schwalbe über jene Stadt. Ihre Freundinnen waren bereits vor sieben Wochen nach Ägypten geflogen, doch sie war hier geblieben. Geblieben, weil sie bis über beide Ohren in ein schmales, schlankes Schilfrohr verliebt war. Das Schilfrohr erwiderte ihre Liebe.

Die Schwalbe hatte das Schilfrohr im Frühling früh am Morgen bemerkt, als sie einer fetten, goldgelben Fliege nachjagte, und war von der graziösen Gestalt des Schilfrohrs so bezaubert, dass sie die Fliege vergaß und ein Gespräch mit dem Schilfrohr begann.

– Ach, mein Herz brennt in Leidenschaft für dich! – rief die Schwalbe, die die Gewohnheit hatte, alles geradeheraus zu tun, ohne jedes Umschweifen. – Und das Schilfrohr verneigte sich tief vor ihr zur Antwort.

Da kreiste die Schwalbe um es herum, berührte gelegentlich mit ihrem Flügelchen das Wasser und hinterließ silberne Rinnsale. So zeigte sie ihre Leidenschaft.

Und diese Beziehung dauerte den ganzen Sommer über.

– Was für eine alberne Verbindung! – zwitscherten die übrigen Schwalben. – Das Schilfrohr hat doch nichts im Sinn – und eine Unmenge Verwandte!

Tatsächlich war der ganze Fluss voller Schilf.

Doch dann kam der Herbst, und alle ihre Freundinnen machten sich auf den Weg.

Die Schwalbe fühlte sich einsam. Sie begann schon, die Verbindung mit dem Schilfrohr als Last zu empfinden.

– Ach, sie schweigt ewig, – sagte die Schwalbe, – und ich habe immer mehr den Eindruck, sie sei vielleicht eine Kokette. Nicht umsonst flirtet sie so mit jedem Lüftchen...

Tatsächlich begann das Schilfrohr, sobald irgendwo ein Windhauch vorbeistrich, sofort Liebäugeleien mit ihm.

– Dazu kommt noch ihre häusliche Veranlagung. Dabei sind Reisen meine Leidenschaft, und meine Gattin muss das Reisen lieben.

Eines Tages sagte die Schwalbe daher zu ihm:

– Lass uns von hier fortfliegen.

Doch das Schilfrohr schüttelte nur den Kopf – es war zu sehr an seine Heimat gebunden.

– Ach, du hast mit meiner Liebe gespielt! – rief die Schwalbe. – Ich mache mich auf zu den Pyramiden. Lebewohl!

Und sie flog davon.

Den ganzen Tag flog sie unaufhörlich weiter. Bei Nacht erreichte sie die Stadt.

– Wo könnte ich mich hier einrichten? – fragte sie. – Hat sich die Stadt denn nicht bemüht, mich würdig zu empfangen?

Da erblickte sie die Statue auf der hohen Säule.

– Das ist ja ausgezeichnet. Hier werde ich bleiben: eine herrliche Lage und genug frische Luft.

Und sie ließ sich dicht zu Füßen des Glücklichen Prinzen nieder.

– Ich habe ein goldenes Schlafzimmer! – sagte sie, indem sie sich mit Würde umblickte. Und gerade als sie sich zum Schlafen zurechtgelegt und ihr Köpfchen unter das Flügelchen gebettet hatte, fiel plötzlich ein schwerer Wassertropfen auf sie herab.

– Was für Wunder! – rief sie. – Denn am Himmel ist keine einzige Wolke. Die Sterne sind so klar und rein – woher also soll der Regen kommen? ... Dieses nördliche Klima ist einfach unerträglich.

Doch da fiel ein weiterer Tropfen.

– Welchen Nutzen hat diese Statue, wenn sie nicht einmal vor Regen schützen kann? Ich will mir lieber ein wärmeres Plätzchen suchen, irgendwo bei einem Schornstein.

Doch kaum hatte sie ihre Flügel ausgebreitet, da fiel ein dritter Tropfen. Die Schwalbe hob die Augen empor und sah – o, was sah sie!

Die Augen des Glücklichen Prinzen waren voller Tränen. Die Tränen rollten über seine vergoldeten Wangen.

Und sein goldenes Antlitz war im Mondlicht so schön, dass die kleine Schwalbe von Mitleid erfüllt wurde.

– Wer bist du? – fragte sie.

– Ich bin der Glückliche Prinz.

– Aber warum weinst du dann? ... Denn ich bin von deinen Tränen völlig durchnässt worden...

– Als ich lebte und ein menschliches Herz besaß, kannte ich keine Tränen, – antwortete der Glückliche Prinz. – Ich kannte sie nicht, weil meine Wohnung das Schloss Sans-Souci war, wohin jedem Unglück der Eintritt verboten war. Tagsüber vergnügte ich mich mit meinen Gefährten im Garten, und abends leitete ich die Tänze im Großen Saal. Der Garten war von einer höchst hohen Mauer umgeben, und es kam mir nicht einmal in den Sinn zu fragen, was dort dahinter geschah. Rings um mich war alles so wunderschön, und die Höflinge nannten mich den Glücklichen Prinzen. Ja, ich war glücklich, wenn überhaupt in Vergnügungen Glück liegt. So lebte ich, und so starb ich. Nun aber, da ich nicht mehr lebe, hat man mich hier aufgestellt, so hoch, dass meinem Blick alles Niedrige, Elende, Abscheuliche zugänglich ist, was es in meiner Hauptstadt nur gibt. Und obwohl mein Herz nun aus Zinn ist, bleibt mir nichts anderes übrig, als zu weinen, unablässig zu weinen!

– Aha! Du bestehst also nicht ganz aus Gold! – sagte die Schwalbe bei sich. Sie war wohlgesittet genug, dies nicht laut auszusprechen.

– Dort drüben, in jener Gasse, steht ein armes, schiefes Häuschen, – fuhr die Statue mit leiser, melodischer Stimme fort. – Ein Fenster steht offen, und ich sehe eine Frau am Tisch. Ihr Gesicht ist abgehärmt, ihre Hände sind rau und rot, überall von Nadelstichen durchbohrt, denn sie ist Näherin. Sie stickt perlenbesetzte Muster auf den Saum eines seidenen Kleides, das heute eine der liebsten Hofdamen der Königin beim Hofball tragen wird. Und in der Ecke, auf dem Bett, liegt ein kleiner Knabe, vom Fieber geschüttelt, und bittet immer wieder, man möge ihm eine Orange geben. Die Mutter hat nichts außer Flusswasser, und immer wieder bricht sie in Tränen aus. Schwalbe, kleine Schwalbe! Würdest du ihr nicht den Rubin von meinem Degen bringen? Meine Füße sind an den Sockel gefesselt, und ich kann mich nicht von der Stelle bewegen.

– In Ägypten erwartet man mich, – antwortete die Schwalbe. – Meine Freundinnen fliegen jetzt den Nil entlang und unterhalten sich mit prächtigen Lotosblumen. Bald werden sie sich in das Grabmal eines großen Königs zum Schlaf zurückziehen. Dort ruht auch er selbst – in einem bemalten Sarg. Er ist in gelbes Gewand gehüllt und mit wohlriechenden Kräutern einbalsamiert. Um seinen Hals trägt er eine Kette aus blassgrünem Jade, und seine Hände sind dürr wie Herbstblätter...

– Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe! Kannst du nicht wenigstens noch eine einzige Nacht bei mir bleiben? Der Knabe leidet solchen Durst, die Mutter solches Leid!

– Jungen mag ich nicht besonders, – antwortete die Schwalbe. – Als ich diesen Sommer einmal am Fluss Rast machte, warfen mich die beiden Söhne der Näherin mit Steinen. Natürlich, wo könnten sie auch treffen! Wir Schwalben sind dafür zu flink. Außerdem war ich schon seit Kindheit für meine Geschicklichkeit berühmt, aber – gib es selbst zu, das zeugt doch irgendwie von Respektlosigkeit.

Doch der Glückliche Prinz war so betrübt, dass die kleine Schwalbe Mitleid mit ihm bekam.

– Hier ist das Klima sehr rau, – sagte sie, – doch sei's drum, ich bleibe noch eine Nacht für dich.

– Ich danke dir, kleine Schwalbe, – sagte der gerührte Prinz.

Und so zog die Schwalbe den großen Rubin aus dem Degen des Prinzen und flog mit ihm über die Dächer der Stadt hinweg.

Sie flog am Glockenturm der Kathedrale vorbei, wo weiße Marmorengel standen. Sie flog am Schloss vorbei und hörte den Klang der Tänze. Da trat ein schönes Mädchen zusammen mit ihrem Geliebten auf den Balkon.

– Welche wunderbaren Sterne, – sagte er zu ihr, – und wie berauschend ist die Macht der Liebe.

– Ich hoffe, mein Kleid wird rechtzeitig zum Hofball fertig, – antwortete sie ihm. – Ich habe befohlen, es mit perlenbesetzten Mustern zu verzieren, aber die Näherinnen sind doch so faul...

Sie flog über den Fluss und sah die Laternen an den Schiffsmasten. Sie flog über das Ghetto und sah alte Juden – und endlich gelangte sie zu dem armen Häuschen und spähte hinein. Der Knabe lag fiebernd auf dem Bett ausgebreitet, und die Mutter war leicht eingeschlummert – sie war so müde! Die Schwalbe schlüpfte ins Zimmer und legte den großen Rubin auf den Tisch, neben das Fingerhut.

Dann kreiste sie über dem Bett und fächelte das Gesicht des Knaben

mit ihren Flügelchen.

„O, wie mir kalt ist!", sagte der Knabe. „Das muss wohl zum Besten sein."

Und er versank wieder in Schlummer.

Die Schwalbe aber kehrte zum Glücklichen Prinzen zurück und erzählte ihm alles, was sie getan hatte.

„Merkwürdig ist, dass mir nun ganz warm geworden ist, obgleich das Wetter ziemlich schlecht geworden ist."

„Das kommt daher, weil du eine gute Tat vollbracht hast!", erklärte ihr der Glückliche Prinz.

Die kleine Schwalbe sann über seine Worte nach und entschlief sogleich.

So ging es ihr immer: kaum hatte sie nachgedacht, so überkam sie auch schon die Schläfrigkeit.

Im Morgengrauen flog sie zum Fluss, um zu baden.

„Welche Wunder!", sprach ein Professor der Ornithologie, der sich zufällig am Meer aufhielt. „Eine Schwalbe im Winter!"

Und er setzte hierüber einen ausführlichen Brief in die lokale Zeitung. Alle lasen diesen Brief: er war voller so gelehrter Wörter, die niemand verstand.

„Nachts – nach Ägypten!", dachte die Schwalbe und geriet bei diesem Gedanken in nervöse Aufregung.

Sie besuchte alle Denkmäler der Stadt und saß lange auf dem Kirchendach.

Wo immer sie erschien, blickten die Spatzen verwundert auf sie und zwitscherten einander zu:

„Was ist das für ein Fremdling! Was ist das für ein Fremdling! Was ist das für ein Fremdling!"

So vergnügte sie sich am letzten Tage ihres Aufenthalts in dieser Stadt.

„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe! Willst du nicht noch eine Nacht bei mir bleiben?", fragte der Glückliche Prinz.

„Man erwartet mich in Ägypten", antwortete die Schwalbe. „Morgen fliegen meine Gefährtinnen zum zweiten Wasserfall. Dort ruhen im Schilf die Nilpferde, und auf einem großen granitenen Thron sitzt der Gott Memnon. Die ganze Nacht hindurch schaut er die Sterne an, und wenn der Morgenstern aufgeht, entringt sich ihm ein Jauchzer der Begeisterung. Um Mittag steigen die gelben Löwen zum Fluss hinab, um zu trinken. Ihre Augen sind wie grüne Berylle, und mit ihrem Gebrüll übertönen sie das Rauschen des Wasserfalls."

„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe!", entgegnete der Glückliche Prinz. „Dort am anderen Ende der Stadt sehe ich einen Jüngling auf einem hohen Dachboden. Er beugt sich über einen Tisch, der mit Papieren bedeckt ist, und neben ihm liegt ein Bündel welker Veilchen. Seine Locken ringeln sich, seine Lippen sind purpurrot wie Granatäpfel, und seine Augen sind groß und nachdenklich. Er muss ein Stück für den Theaterdirektor fertigstellen, doch ihm fehlt die Inspiration. Das Feuer in seiner Klause ist erloschen, und der Jüngling ist vor Hunger geschwächt."

„Nun gut, ich bleibe noch eine Nacht bei dir!", willigte die Schwalbe ein, die schließlich doch ein gutes Herz hatte. „Wo hast du denn deinen anderen Rubin?"

„Ich habe keine Rubine mehr. Meine Augen sind alles, was mir jetzt noch geblieben ist. Diese Augen sind aus den seltensten Saphiren gefertigt und wurden vor tausend Jahren aus Indien hergebracht. Reiß einen von ihnen heraus und bringe ihn dem Jüngling. Möge er ihn dem Juwelier verkaufen und sich Nahrung und Brennholz beschaffen. Dann wird es ihm gelingen, seine Arbeit zu vollenden."

„Das tue ich um keinen Preis, lieber Prinz", flehte die Schwalbe und weinte. „Ich habe nicht die Kraft, dich deines Augenlichts zu berauben..."

„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe! Tue, wie ich dir befehle", sprach der Prinz.

Der Schwalbe blieb nichts anderes übrig, als dem Prinzen das Auge herauszureißen und zum entfernten Dachboden zu fliegen. Leicht konnte sie dorthin gelangen, denn das Dach war löcherig. Durch dieses Loch schlüpfend, befand sich die Schwalbe plötzlich in der Kammer.

Der Jüngling saß da, den Kopf in die Hände gestützt, und hörte nicht das Rauschen der Schwalbenflügel; als er jedoch die Augen erhob, bemerkte er neben den welken Veilchen einen wunderschönen Saphir.

„Indessen beginnt man mich zu schätzen und zu verstehen!", rief er aus. „Das stammt gewiss von einem wichtigen Verehrer. Nun wollen wir uns an unsere Dramatik machen, nun haltet euch nur fest!" – Und sofort hellte er sich auf.

Am nächsten Tag begab sich die Schwalbe zum Hafen. Sie ließ sich auf dem Mast eines großen Schiffes nieder und sah Matrosen, die allerlei Waren ausluden.

„Und ich reise nach Ägypten!", rief die Schwalbe, doch niemand verstand sie.

Erst abends, beim Mondlicht, flog sie zum Glücklichen Prinzen.

„Ich bin gekommen, dir gute Nacht zu wünschen", sagte sie. „Ich reise nach Ägypten."

„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe!", flehte der Glückliche Prinz. „Bleibe nur noch eine einzige Nacht bei mir. Nur eine einzige!"

„Jetzt ist Winter", antwortete die Schwalbe, „und bald wird hier kalter Schnee fallen. In Ägypten aber spielt die Sonne so heiß auf den grünen Palmen, und die Krokodile liegen im Sumpf und schauen träge umher. Meine Gefährtinnen haben bereits ihr Nest im Tempel von Waaben gebaut, und die weißen Tauben blicken auf sie und girren. Nein, Prinz, bitte mich nicht; ich muss nach Ägypten fliegen, doch natürlich werde ich dich niemals vergessen und dir im nächsten Frühling zwei Edelsteine zurückbringen statt jener, die du den Menschen gegeben hast. Der Rubin wird röter sein als eine Rose, und der Saphir blauer als der hohe Himmel..."

„Ach, dort unten auf dem Platz steht immer ein kleines Mädchen und verkauft Zündhölzer. Heute hat sie sie in eine Grube fallen lassen, und sie sind verloren gegangen. Du siehst, sie weint. Der Vater wird sie schwer schlagen, wenn sie ohne Geld heimkehrt. Reiß mein anderes Auge heraus und bringe es ihr, – dann wird der Vater sie nicht prügeln."

„Nein", antwortete die Schwalbe. „Noch eine Nacht bei dir zu bleiben – das werde ich tun. Doch dein Auge werde ich nicht herausreißen, – denn dann wärst du ja völlig blind."

„Schwalbe, Schwalbe, kleine Schwalbe! Tue, was dir befohlen wird", sprach der Prinz.

Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm auch das andere Auge herauszureißen und damit zum entfernten Platz hinwegzufliegen. Bald fand sie das kleine Zündholzmädchen und ließ den kostbaren Stein auf die Handfläche ihrer winzigen Hand fallen.

„Was für ein herrliches Glasstückchen!", rief das Mädchen aus und lief lachend nach Hause.

Die Schwalbe kehrte zum Glücklichen Prinzen zurück.

„Nun bist du ja ganz blind", sagte sie, „und ich werde mein Leben lang bei dir bleiben."

„Nein, liebe Schwalbe, du musst sogleich nach Ägypten abreisen."

„Nein, ich will für immer bei dir bleiben", sagte sie und schlief zu Füßen des Prinzen ein.

Am folgenden Tag schwang sie sich auf seine Schulter und begann ihm zu erzählen, was sie in fremden Ländern gesehen hatte.

Sie erzählte ihm von den schönen Ibissen, die in langer Phalanx an den Ufern des Nils stehen und mit ihren Schnäbeln goldene Fische fangen; von der Sphinx, die so alt ist wie die Welt, in der Wüste lebt und alles weiß; von Kaufleuten, die langsam neben ihren Kamelen herschreiten, mit bernsteinfarbenen Pfeifen im Mund; vom Herrscher der Mondberge, der schwärzer ist als Ebenholz und einen großen Kristall anbetet; von der großen grünen Schlange, die auf einer Palme schläft, – diese Schlange hat zwanzig Priester, und sie füttern sie mit Honigkuchen; von Pygmäen, die auf breiten glatten Blättern über den See fahren und ewig mit Glühwürmchen Krieg führen.

„Ach, liebe Schwalbe", sagte der Glückliche Prinz, „du erzählst mir lauter wunderbare Dinge. Doch das wunderbarste von allen ist das menschliche Leid. Fliege also, mein Freund, über die ganze Stadt hinweg und kehre dann hierher zurück und erzähle mir von allem, was dir nur unter die Augen kommt."

Die Schwalbe machte sich auf den Weg und bemerkte bald, dass die Reichen in ihren prächtigen Häusern fröhlich waren, während die Armen vor den Toren standen. Sie flog in dunkle Gassen und sah dort bleiche Gesichtchen magerer Kinder, die matt auf die schwarzen Straßen starrten. Unter einer Brücke sprangen sie übereinander, um sich wenigstens etwas zu erwärmen.

„Wir hungern", wiederholten sie, „Hunger, Hunger!"

„Fort von hier!", schrie der Wächter sie an, und schon befanden sie sich wieder im Regen.

Sie aber kehrte zum Glücklichen Prinzen zurück und erzählte ihm alles, was sie gesehen hatte.

„Und doch bedeckt mich herrliches Gold!", sprach der Prinz. „Nimm es Blatt für Blatt von mir ab und verteile es unter die Armen. Alle Lebenden meinen stets, Gold könne ihnen Glück bringen."

Und Blatt für Blatt nahm die Schwalbe das schöne Gold ab, und der Glückliche Prinz ward grau und düster.

Blatt für Blatt gab sie das Gold den Armen, und die Kindergesichter erröteten, auf den Straßen erklang Gelächter, und frohe Spiele begannen.

„Jetzt haben wir Brot genug!", riefen die Kinder.

Schnee fiel, und darauf kam auch die Kälte. Die Straßen wurden wie aus Silber – so glänzten und schimmerten sie. Lange Eiszapfen hingen wie kristallene Dolche von den Dächern herab. Alle kleideten sich in Pelze, und die Jungen in roten Mützchen begannen Schlittschuh zu laufen. Immer kälter wurde der armen Schwalbe, doch sie wollte den Glücklichen Prinzen nicht verlassen, denn sie liebte ihn gar sehr. Auf dem Hinterhof der Bäckerei sammelte sie Krümel – sobald sich der Bäcker nur eine Minute abwandte – und versuchte sich warm zu halten, indem sie mit den Flügelchen schlug. Doch eines Tages begriff sie, dass ihr Ende gekommen war.

Sie brachte noch einmal die Kraft auf, sich auf die Schulter des Glücklichen Prinzen zu schwingen und ihm zuzuflüstern:

„Lebewohl, mein lieber Prinz! Erlaubst du mir nicht, dich zum Abschied zu küssen

deine Hand?

— Mein Freund, ich freue mich sehr, dass du endlich nach Ägypten gelangst, — sagte der Prinz. — Du hast dich hier ohnehin schon zu lange aufgehalten. Küsse mich direkt auf den Mund; ich habe dich in dieser Zeit so lieb gewonnen.

— Nein, nicht nach Ägypten fliege ich, — sagte die Schwalbe. — Ich mache mich auf den Weg zur Behausung des Todes. Der Tod ist doch dem Schlaf verwandt, nicht wahr?

Und sie küsste den Glücklichen Prinzen auf die Lippen und fiel tot zu seinen Füßen nieder.

In diesem Moment ertönte innerhalb der Statue ein schreckliches Krachen, als wäre dort etwas geplatzt.

Es war sein zinnernes Herz, das in zwei Teile geborsten war — so stark war der Frost gewesen.

Am nächsten Tag, früh am Morgen, schlenderte der Bürgermeister mit seinen Ratsherren unten im Park entlang. Als er die Statue erblickte, rief er aus:

— Mein Gott! Wie schrecklich sieht der Glückliche Prinz aus!

— In der Tat schrecklich, — sagten die Ratsherren, die dem Bürgermeister stets und in allem zustimmten.

Und sie stürmten eilig davon, um den Glücklichen Prinzen aus der Nähe zu betrachten.

— Der Rubin ist aus seinem Degen gefallen, die Augen ebenfalls, und er ist nicht mehr golden, — sagte der Bürgermeister. — Wahrhaftig, er ist nichts Besseres als der letzte Bettler.

— Nein, wahrhaftig, er ist nichts Besseres als der letzte Bettler! — sagten die Ratsherren.

— Und da ist noch diese verendete Vogel auf seinem Sockel, — fuhr der Bürgermeister fort. — Wir müssen unbedingt einen Erlass verfassen, dass Vögel es nicht wagen dürfen, hier zu sterben...

Und der Stadtschreiber verfasste ein entsprechendes Schriftstück.

Dann rissen sie die Statue des Glücklichen Prinzen herunter.

— Da er keine Schönheit mehr besitzt, ist er von keinem Nutzen, — sagte ein Professor der Ästhetik zu seinen Schülern.

Anschließend wurde die Statue eingeschmolzen, und der Bürgermeister hielt eine große Beratung ab, wie mit dem Metall zu verfahren sei.

— Selbstverständlich muss man eine andere Statue gießen, und natürlich soll sie mein Denkmal sein, — sagte ein städtischer Ratsherr.

— Nein, meines! — sagte ein anderer, und alle gerieten miteinander in Streit.

Als ich sie zum letzten Mal sah, stritten sie immer noch.

— Was für ein Wunder! — sagte der Hauptmeister der städtischen Schmelzhütte. — Dieses zerbrochene zinnerne Herz widersetzt sich dem Feuer. Man könnte es einfach wegwerfen!..

Und man warf es auf einen Müllhaufen, dorthin, wo die tote Schwalbe lag.

— Bringe mir die zwei kostbarsten Dinge, die es in dieser Stadt gibt, — sprach Gott zu einem seiner Engel, und der Engel brachte ihm das zinnerne Herz und den toten Vogel.

— Deine Wahl ist richtig, — sprach Gott: — denn in meinem paradiesischen Garten wird dieses kleine Vöglein mir ewig Loblieder singen, und in meiner goldenen Stadt wird der Glückliche Prinz mich preisen...