In einer gewissen Stadt stand auf einem hohen Sockel die Statue des Glücklichen Prinzen. Der Prinz war vergoldet – ganz und gar – mit dünnen Blättchen aus Gold. Statt Augen hatte er Saphire, und ein großer scharlachroter Rubin funkelte an seinem Degen.
Wahrlich, das war ein überaus schöner Prinz!
– Er ist so zierlich wie ein Wetterhahn auf dem Turm! – bemerkte einer der hiesigen Würdenträger über ihn, der sich durch feines Kunstverständnis Ruhm erwerben wollte. – Doch natürlich ist der Wetterhahn viel nützlicher, – fügte er hinzu, aus Furcht, man könnte vermuten, er achte nicht auf die Interessen des Volkes.
Und tatsächlich achtete er nicht darauf.
– Sieh dir den Glücklichen Prinzen zum Beispiel an, – sagte eine zärtliche Mutter zu ihrem Bub, der immerfort weinte, weil man ihm den Mond geben sollte. – Der Glückliche Prinz macht nie Launen.
– Ach, ich bin sehr, sehr froh, dass es auf der Welt wenigstens noch einen Glücklichen gibt, – flüsterte ein düsterer Menschenfeind, indem er die prächtige Statue betrachtete.
– Wahrlich, er sieht aus wie ein echter Engel! – riefen Schulknaben, die ordentlich gekleidet in leuchtend purpurnen Kleidern und weißen Schürzchen aus der Kirche kamen.
– Woher wisst ihr das alles? – fragte der Mathematiklehrer. – Ihr habt doch niemals einen einzigen Engel gesehen.
– Ja, aber wir sehen sie oft, wenn wir träumen, – antworteten die Schulknaben.
Der Mathematiker runzelte die Stirn und blickte sie streng an. Diese kindischen Träumereien waren ihm nicht recht.
Eines Nachts flog eine Schwalbe über jene Stadt. Ihre Freundinnen waren bereits vor sieben Wochen nach Ägypten geflogen, doch sie war hier geblieben. Geblieben, weil sie bis über beide Ohren in ein schmales, schlankes Schilfrohr verliebt war. Das Schilfrohr erwiderte ihre Liebe.
Die Schwalbe hatte das Schilfrohr im Frühling früh am Morgen bemerkt, als sie einer fetten, goldgelben Fliege nachjagte, und war von der graziösen Gestalt des Schilfrohrs so bezaubert, dass sie die Fliege vergaß und ein Gespräch mit dem Schilfrohr begann.
Geprüfter Text