Na, was für ein Festmahl haben sie uns gestern im Palast geboten! – sagte eine ältere Maus zu einer anderen Maus, die nicht das Glück gehabt hatte, bei einem Hofbankett dabei zu sein. Ich saß als Einundzwanzigste von unserem alten Mäusekönig entfernt, und das ist gar nicht so schlecht! Und was wurde dort alles aufgetischt! Schimmliges Brot, Schinkenschwarte, talgige Kerzen, Wurst – und dann fing alles wieder von vorne an. Es gab so viel Essen, dass wir gewissermaßen zwei Mittagessen verschlungen haben! Und welche wunderbare Stimmung alle hatten, wie ungezwungen die Unterhaltung geführt wurde, wenn du das nur wüsstest! Die Atmosphäre war höchst familiär. Wir nagten alles restlos auf, bis auf die Wurststäbchen – jene, an denen die Wurst gebraten wird; gerade über diese kam man später ins Gespräch, und plötzlich erinnerte sich jemand an die Suppe aus dem Wurststäbchen. Es stellte sich heraus, dass zwar alle von dieser Suppe gehört hatten, aber niemand sie je probiert oder gar selbst gekocht hatte. Da wurde ein hervorragender Toast auf die Maus ausgebracht, die es vermögen würde, eine Suppe aus einem Wurststäbchen zu kochen und folglich zur Vorsteherin eines Armenhauses werden könnte. Nun sag mir selbst, ist das nicht geistreich ersonnen? Und der alte Mäusekönig erhob sich von seinem Thron und verkündete laut vor allen, dass er diejenige junge Maus zur Königin machen werde, die die köstlichste Suppe aus einem Wurststäbchen zubereiten könne. Als Frist setzte er ein Jahr und einen Tag fest.
– Nun gut, die Frist ist ausreichend, – sagte die andere Maus. – Doch wie bereitet man ihn denn, diesen besagten Supp, hm?
Ja, wie bereitet man ihn? Das fragten alle Mäuse, junge wie alte. Jede wäre gern Königin geworden, doch keine hatte Lust, durch die weite Welt zu ziehen, um in Erfahrung zu bringen, wie man diese Suppe zubereitet. Ohne dies geht es nun einmal nicht: Sitzt man daheim, ersinnt man kein Rezept. Aber nicht jede Maus kann Familie und heimischen Winkel verlassen; zudem ist das Leben in der Fremde nicht allzu süß: Dort kostet man keinen Käserand, riecht keine Schinkenschwarte, manchmal muss man sogar hungern, und wer weiß, vielleicht gerät man noch einer Katze in die Klauen.
Viele Anwärterinnen auf die Königswürde waren von all diesen Überlegungen derart beunruhigt, dass sie es vorzogen, daheim zu bleiben, und lediglich vier Mäuse, jung und flink, doch arm, machten sich reisefertig. Jede erwählte sich eine der vier Himmelsrichtungen – vielleicht hat ja wenigstens eine Glück –, und jede versah sich mit einem Wurststäbchen, um unterwegs das Ziel ihrer Reise nicht zu vergessen; außerdem konnte das Stäbchen als Wanderstab dienen.
Anfang Mai brachen sie auf und kehrten im Mai des folgenden Jahres zurück, jedoch nicht alle, sondern nur drei; von der vierten fehlte jede Spur, und die festgesetzte Frist näherte sich bereits ihrem Ende.
– In jedem Fass Honig findet sich stets ein Löffel voll Teer, – sagte der Mäusekönig, befahl dennoch, die Mäuse aus der ganzen Umgebung zusammenzurufen.
Sie sollten sich in der königlichen Küche versammeln; hier standen, abgesondert von den übrigen, die drei reiselustigen Mäuse nebeneinander, und an die Stelle der verschwundenen hatten die Höflinge ein Wurststäbchen gestellt, das mit schwarzem Flor umwunden war. Allen Anwesenden wurde auferlegt, zu schweigen, bis die Reisenden gesprochen und der Mäusekönig seine Entscheidung verkündet hätte.
Nun, dann hören wir mal zu.
2. WAS DIE ERSTE MAUS WÄHREND IHRER REISE GESEHEN UND GELERNT HAT
– Als ich aufbrach, um durch die weite Welt zu wandern, – begann die kleine Maus, – bildete ich mir, wie viele meiner Altersgenossinnen, ein, längst schon die gesamte irdische Weisheit zerkaut und verschluckt zu haben. Doch das Leben zeigte mir, dass ich mich grausam getäuscht hatte, und es bedurfte eines ganzen Jahres und eines Tages, um die Wahrheit zu erkennen. Ich zog nach Norden und fuhr zunächst auf einem großen Schiff über das Meer. Man hatte mir gesagt, Köche müssten erfinderisch sein, doch unserem Koch schien daran offenbar überhaupt nichts gelegen zu sein: Die Schiffsräume bargen Speck, Pökelfleisch und herrliches schimmliges Mehl in Hülle und Fülle. Ich lebte wahrhaftig prächtig, das lässt sich nicht leugnen. Aber urteilt selbst – konnte ich dort lernen, eine Suppe aus einem Wurststäbchen zu kochen? Viele Tage und Nächte fuhren wir immer weiter, wurden geschaukelt und von Wellen überspült; doch endlich legte das Schiff in einem fernen nördlichen Hafen an, und ich ging an Land.
Ach, wie seltsam das alles ist: Aus dem heimischen Winkel aufbrechen, ein Schiff besteigen, das bald selbst zum heimischen Winkel wird, und sich plötzlich hunderte Meilen von der Heimat entfernt in einem völlig unbekannten Land wiederfinden! Undurchdringliche Wälder, Fichten und Birken, umringten mich, und wie entsetzlich sie dufteten! Unerträglich! Wilde Kräuter verströmten einen derart würzigen Geruch, dass ich unaufhörlich niesen musste und dabei an Wurst dachte. Und die riesigen Waldseen! Nähert man sich dem Wasser, erscheint es klar wie Kristall; entfernt man sich jedoch etwas, wird es dunkel wie Tinte. In den Seen schwammen weiße Schwäne; sie hielten sich so regungslos auf dem Wasser, dass ich sie zunächst für Schaum hielt, doch als ich sah, wie sie flogen und gingen, begriff ich sofort, dass es Vögel waren; sie gehören nämlich zum Geschlecht der Gänse, das erkennt man am Gang, und von seiner Verwandtschaft kann man nun einmal nicht abstreiten! Also beeilte ich mich, meine eigene Verwandtschaft zu finden – die Wald- und Feldmäuse, obwohl sie, um die Wahrheit zu sagen, wenig vom Gastmahl verstehen, weshalb ich ja überhaupt in fremde Lande gereist war. Als man hier erfuhr, dass man aus einem Wurststäbchen Suppe kochen könne – und dieses Gespräch ging durch den ganzen Wald –, erschien allen dies unmöglich; nun, woher sollte ich auch wissen, dass ich noch in derselben Nacht in das Geheimnis der Wurststäbchensuppe eingeweiht werden würde.
Da kamen einige Elfen auf mich zu, und der vornehmste unter ihnen sagte, auf mein Wurststäbchen zeigend:
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