Kunstmärchen

Prinzessin Eissplitter

Die junge Eisköniginstochter Ljodka lässt sich von der Versuchung durch Reichtum und Macht blenden, verrät ihr Volk und ihren Vater für den Sonnenkönig, nur um zu erkennen, dass ihre wahre Natur mit seiner Welt unvereinbar ist, was zu ihrem unvermeidlichen Untergang führt.

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Prinzessin Eissplitter

Auf einem hohen, hohen Berg, dicht unter dem Himmel, mitten im ewigen Schnee, steht der kristallene Palast des Zars Kälte. Er ist ganz aus reinstem Eis erbaut, und alles darin, beginnend mit den breiten Sofas, Sesseln, geschnitzten Tischen, Spiegeln und endend mit den Gehängen an den Kronleuchtern – alles ist eisig.

Der Vater Zar ist streng und düster. Graue Augenbrauen hängen ihm über die Augen, und seine Augen sind so beschaffen, dass jeden, der hineinschaut, ein stechender Kälteschauer durchdringt. Der Bart des Zaren ist vollkommen weiß, und darin scheinen Funkelsteinchen von Edelsteinen verfangen zu sein, sodass er ganz in bunten Funken schimmert.

Doch schöner als der Bart des Zaren, schöner als sein hoher Palast, schöner als alle Schätze sind die drei Töchter des Zaren, die drei schönen Zarinnen: Schneesturm, Frost und Eissplitter.

Die Zarin Schneesturm hat schwarze Augen und eine so klingende Stimme, dass man sie unten in den Tälern weithin hören kann. Die Zarin Schneesturm ist stets äußerst fröhlich und tanzt und singt den ganzen Tag.

Die mittlere Zarin, Frost, steht ihrer älteren Schwester an Schönheit nicht nach, doch ist sie stolz und hochmütig, wechselt mit niemandem ein freundliches Wort, nickt keinem mit dem Kopf und schreitet, schlank und rosig, durch ihren Turm, völlig zufrieden mit ihrer Schönheit, ohne jemandem ihr Herz zu öffnen.

Dagegen ist die jüngere Schwester, die Zarin Eissplitter, ganz anders: gesprächig, redeFreudig und so schön, dass beim Anblick ihrer selbst dem grimmigen Zaren Kälte die Augen vor Zärtlichkeit aufleuchten, die grauen Augenbrauen sich glätten und ein gutes, liebes Lächeln über sein Gesicht gleitet. Der Zar bewundert seine Tochter, liebt sie und verwöhnt sie so sehr, dass die älteren Zarinnen dadurch gekränkt werden und auf den Zaren zürnen.

– Eissplitter ist des Vaters Liebling, – sagen sie neidisch.

Und wahrlich, eine Schönheit ist die jüngere Zarin geworden, eine solche Schönheit, dass man im ganzen Eisreich keine zweite ihresgleichen finden könnte.

Die Locken der Zarin – reines Silber. Die Augen – wie blaue Saphire und wie funkelnde Diamanten. Die Lippen rot wie eine Rosenblüte im Tal, und sie selbst ganz zart und zerbrechlich wie eine kostbare Statue aus bestem Kristall.

Wenn Eissplitter jemanden mit ihren blauen, strahlenden Augen ansieht, dann ist jeder bereit, für diesen einen Blick sein Leben hinzugeben.

Die Zarinnen leben fröhlich in ihrem hohen Turm. Tagsüber tanzen sie, spielen und lauschen den wunderbaren Märchen der älteren Zarin Schneesturm, während sie nachts zur Jagd auf Schneeleoparden und Hirsche ausreiten.

Und dann erhebt sich in allen Bergen und Schluchten ein solches Getöse und Geräusch, dass die Menschen aus Furcht vor diesem Lärm eilig aus den Bergen und dem Wald in ihre Häuser fliehen.

Den Zarinnen ist es nur nachts gestattet, das Haus zu verlassen. Tagsüber wagen sie nicht, sich aus dem Turm zu zeigen, denn der Zar Kälte und seine schönen Töchter haben einen gefährlichen, furchtbaren Feind.

Dieser Feind ist König Sonne, der in einem hohen Turm wohnt, noch höher als der Palast des Zaren Kälte, und fortwährend seine Heerscharen ins Eisreich sendet, immer wieder seine Strahlen aussendet, um zu erkunden und zu erforschen, wie er am leichtesten und besten seinen unbesiegbaren Feind – den Zaren Kälte – besiegen kann. Und ihre Feindschaft ist alt und langjährig. Seitdem der kristallene Palast auf dem Felsen errichtet wurde, seitdem die Bienen in den Tälern nach Honig fliegen, seitdem die Blumen im Wald und auf dem Feld bunt erblühten, seitdem besteht diese Feindschaft auf Leben und Tod zwischen dem Zaren Kälte und König Sonne.

Strengstens wacht der Zar Kälte darauf, dass der listige König nicht irgendwie in seine königliche Wohnung eindringt, nicht mit seinem verhängnisvollen Feuer sowohl seine Töchter als auch den Palast aus kristallenem Eis verbrennt.

Tag und Nacht steht Wache rings um den königlichen Palast, und ihr ist streng befohlen, darauf zu achten, dass keiner der Strahlen-Krieger König Sunnes hierher gelangt. Den Zarinnen ist fest verboten, tagsüber den Palast zu verlassen, damit sie nicht etwa zufällig dem König begegnen.

Darum sitzen die schönen Zarinnen den ganzen langen Tag, während der furchtbare König in seinen eigenen und fremden Besitzungen umherzieht, im Turm, fädeln Perlenketten, weben diamantene Fäden und dichten wunderbare Märchen und Lieder. Doch wenn die Nacht kommt, goldene Sterne den Himmel bestreuen und der klare Mond hinter den Wolken hervorgleitet, dann treten sie aus dem kristallinen Turm hinaus und galoppieren in die Berge, um Schneeleoparden und Hirsche zu jagen.

Doch können die Zarinnen nicht ewig nur Schneeleoparden und Hirsche jagen, Sterne zählen, diamantene Fäden ziehen und wunderbare Lieder und Märchen ersinnen.

Die Zeit ist gekommen, die Zarinnen zu verheiraten.

Der Zar Kälte rief alle drei Töchter zu sich und sprach:

– Meine Kinder! Nicht immer sollt ihr im väterlichen Turm unter dem Schutz des Vaters sitzen. Ich werde euch an drei schöne Prinzen unserer Gegend vermählen, drei leibliche Brüder. Dir, Zarin Frost, gebe ich den rotwangigen Prinzen Frost zum Gemahl; er besitzt unermessliche Reichtümer an Gehängen und kostbaren Schmuckstücken. Mit unzählbaren Schätzen wird er dich beschenken. Du wirst die reichste Prinzessin der Welt sein. Dir, Zarin Schneesturm, gebe ich den Prinzen Wind zum Gemahl. Er ist nicht so reich wie sein Bruder Frost, dafür aber so mächtig und stark, dass ihm an Macht und Kraft niemand in der Welt gleichkommt. Er wird dir ein guter beschützender Ehemann sein. Sei unbesorgt, meine Tochter. Und dir, meine Liebste, – wandte sich der alte Zar mit einem lieben Lächeln an seine jüngste Tochter Eissplitter –, dir gebe ich einen Gemahl, der dir am besten entspricht. Zwar ist er nicht so mächtig wie Prinz Wind und nicht so reich wie Prinz Frost, doch zeichnet er sich durch unsägliche, grenzenlose Güte und Sanftmut aus. Prinz Schnee ist dein auserkorener Bräutigam. Alle lieben ihn, alle ehren ihn. Und nicht umsonst streichelt er jeden, deckt jeden mit seinem weißen Schleier zu. Blumen, Gräser und Hälmchen fühlen sich im Winter unter seinem Schleier genau wie unter einer warmen, flaumigen Decke. Er ist gut und lieb, sanft und zärtlich. Ein gutes, liebes Herz aber ist mehr wert als alle Mächte und Reichtümer der ganzen Welt.

Tief, sehr tief verneigten sich die älteren Zarinnen vor dem Vater, doch die jüngste schmollte, runzelte die Stirn und presste mit missmutiger Stimme hervor:

– Das hast du schlecht ersonnen, Vater Zar. Den wenig beneidenswerten Bräutigam hast du mir, deiner geliebten Tochter, ausgesucht. Was nützt es, dass Prinz Schnee gut und lieb ist, wenn er mir weder kostbare Gewänder schenken kann wie Frost meiner Schwester, noch sich bis aufs Messer mit Feinden schlagen und alle durch seine Kraft bezwingen kann wie Prinz Wind? Zudem haben seine älteren Brüder solche Gewalt über ihn gewonnen! Der Wind wirbelt und dreht ihn nach Belieben, und Prinz Frost kann ihn mit einer Handbewegung an Ort und Stelle festhalten, und ohne dessen Erlaubnis vermag der arme Prinz Schnee sich nicht einmal zu regen.

– Gerade das ist gut! – sprach der Zar und runzelte seine grauen Augenbrauen. – Prinz Schnee ist der jüngste der Brüder, und Gehorsam gegenüber den Älteren ist eine der besten Tugenden eines jungen Prinzen.

Doch die Zarin beharrt auf ihrem Standpunkt:

– Prinz Schnee gefällt mir nicht, Vater, ich will ihn nicht heiraten!

Da erzürnte und entflammte der Zar Kälte. Er blies nach rechts, er blies nach links. Die Gletscher knirschten, die Erde erstarrte vor Kälte. Alle Pelztiere verkrochen sich aus Angst in ihre Höhlen, und der alte Bergadler hob zwar die Flügel, erstarrte jedoch sogleich in der Luft.

Und der Zar Kälte donnerte mit seiner furchtbaren Stimme auf seine jüngste Tochter herab:

– Was verstehst du schon, Eissplitter? Einen besseren Mann kannst du dir selbst nicht suchen. Und wage nicht, eigensinnig zu sein! Geh in deinen Turm und bereite dich gebührend darauf vor, den Bräutigam heute Abend zu empfangen. Zum heutigen Ball habe ich alle drei Prinzen in den Palast eingeladen.

Bitterlich weinte die Zarin, doch wagte sie nicht, dem Vater-Zaren zu widersprechen, und schlich, das Haupt gesenkt, in ihren Turm.

Die Zarin setzte sich in eine Ecke, lässt silberne Tränen aus ihren blauen Augen fallen, und sogleich verwandeln sich diese Tränchen auf ihren Wangen in wunderschöne diamantene Tropfen.

Die Zarin sammelte die diamantenen Tränchen in ihre hohle Hand, betrachtete sie und dachte: »Das sind die Schätze, die ich nun sammeln muss, denn mein Bräutigam besitzt nichts, und ich muss mir mit meinen eigenen Tränen Reichtum erschaffen.«

Törichte Zarin! Sie wusste nicht, dass nicht Reichtum das wahre Glück jedes Wesens ausmacht.

Und plötzlich sieht die Zarin, dass die diamantenen Tränchen auf ihrer Handfläche in wunderbaren Feuern zu spielen beginnen. Erschrocken hob sie den Kopf und sah, dass durch ihr Turmfenster ein schöner Knabe schaute, so licht und freudig, wie sie noch niemals einen gesehen hatte.

– Wer bist du? – rief die Zarin, sprang von ihrem Platz auf und lief zum Fenster.

– Ich bin Diener eines jungen Königs, der schön ist wie der Tag, mächtig wie der Bergadler und reich wie drei Zaren Kälte zusammen genommen.

– Reicher als mein Vater und sogar als Prinz Frost? – rief die erstaunte Zarin.

– Wo bleibt da dein Prinz Frost! – sagte der Knabe spöttisch. – Prinz Frost ist geradezu ein Bettler gegenüber unserem Gebieter.

– Und wie heißt dein König? – fragte die Schönheit neugierig.

– Er heißt König Sonne! – sprach der Knabe stolz.

Kaum hatte er diese

Worte, als die Prinzessin mit einem Schrei vom Fenster zurückwich und in Entsetzen ihr Gesicht mit den Händen bedeckte, rief sie:

— Fort! Fort! Ich weiß, wer du bist! Du bist der Knabe Strahl, einer jener, die König Sonne als Kriegsheer gegen unser Reich entsendet. Wie hast du es gewagt und vermocht, hierher einzudringen, wo doch rings um unseren Palast Wache steht?

Der Knabe Strahl lächelte daraufhin nur mit seinen funkelnden Augen.

— Alle eure Leute sind jetzt mit den Vorbereitungen zum Ball beschäftigt. Eure Wachen, die Zephyre, sind in alle Richtungen davongeflogen, um Gäste einzuladen. Dies habe ich genutzt und bin als geringster Diener meines Königs in deinen Gemach eingedrungen. Was sagst du dazu, Prinzessin Eisscholle?

— Ich sage nur eines! — rief die Prinzessin zornig mit dem Füßchen stampfend. — Ich sage nur: Dein König ist unser geschworener Feind, und ich werde sogleich die Wache herbeirufen, die herbeieilen wird, dich zu ergreifen.

— Eile nicht, Prinzessin! — erwiderte der Knabe Strahl mit ruhiger Stimme. — Nun, angenommen, du ergreifst mich, was dann? wirst du wie eine dumme Ziege auf dem Ball mit deinem Bräutigam Schnee herumwirbeln, und das auch nur, wenn es die älteren Prinzen Frost und Wind ihm gestatten. Und danach werden sie dich dem armen Prinzen, ihrem jüngeren Bruder, zur Frau geben, und du wirst dein langes Leben verbringen, ohne je Pracht, Macht oder Reichtum zu sehen, du, die schönste aller Prinzessinnen. Währenddessen werden deine Schwestern durch ihre Gatten berühmt werden. Sie erwartet Reichtum und Macht.

— Ach, du sprichst die Wahrheit, Knabe Strahl, — sagte Eisscholle, — die wahre Wahrheit. — Und sie neigte traurig ihr schönes Haupt.

Der Knabe Strahl betrachtete sie lange schweigend. Ein listiges Lächeln huschte über sein Gesicht.

— Sei nicht betrübt, schöne Eisscholle! — sprach er mit der sanftesten Stimme. — Nicht umsonst bin ich in deinen Gemach eingedrungen. Ich kam hierher mit dem Zweck, dich einem so vornehmen Bräutigam anzuwerben, einem so reichen, dass deine Schwestern vor Neid platzen werden, sobald sie davon erfahren. Möchtest du die Gemahlin des Königs Sonne werden, meines Herrn?

Prinzessin Eisscholle erstarrte geradezu vor Entsetzen, als sie dies hörte. Lange konnte sie kein Wort hervorbringen, und als sie wieder sprach, zitterte ihre Stimme vor Aufregung und Furcht.

— Nein, nein. König Sonne ist unser Feind. Nicht ohne Grund verbirgt mein Vater, Zar Kälte, uns alle vor ihm. Die Sonne sucht nur nach einer Gelegenheit, uns zu vernichten, — schloss sie zitternd.

— Und du glaubst daran, kleine Prinzessin? — lachte Strahl hell auf. — All dies ist Unsinn: König Sonne ist der beste aller Könige des Universums. Er ist fürsorglich und liebend wie eine zarte Mutter. Wenn Zar Kälte nicht wollte, dass ihr ihn kennenlernt, so nur deshalb, damit du und deine Schwestern nicht seht, dass er selbst, euer mächtiger Gebieter und Vater, weit schwächer ist als der große König Sonne...

— So ist es also! — sprach die Prinzessin nachdenklich. — Und ich dachte... Warum führt er denn Krieg mit meinem Vater? — äußerte sie plötzlich den aufblitzenden Gedanken.

— Warum? Das wirst du gleich erfahren!.. — lachte der Sonnenstrahl hell auf. — König Sonne liebt dich und will dich zur Frau nehmen, doch dein Vater ist dagegen. Es ist nicht zu seinem Vorteil, wenn sein Schwiegersohn vornehmer ist als er selbst.

— Jetzt verstehe ich, — flüsterte die Prinzessin leise, — ich verstehe alles... Und wenn ich wirklich die Sonne heirate, wird er mir ebenso prächtige Gewänder und Schmuck anfertigen lassen, wie Frost sie für meine Schwester Frostwind macht?

— Mein König wird dich hundertmal schöner und reicher kleiden, Prinzessin! — sprach der Knabe Strahl überzeugt.

— Nun, dann bin ich bereit, die Gemahlin deines Königs zu werden, — sagte Eisscholle fröhlich. — Ich stelle mir vor, wie sehr meine Schwestern und sogar mein Vater, der Zar, mich beneiden werden, wenn sie mich als die reichste und vornehmste Königin der Welt sehen!

Und Prinzessin Eisscholle richtete sich stolz auf und warf dem Knaben Strahl einen Blick zu, als wäre sie bereits seine Königin und er ihr Untertan.

— Das ist ausgezeichnet, Eure Hoheit, meine zukünftige Königin, — sagte Strahl mit tiefer Verbeugung. — Ich dachte mir schon, dass Sie die klügste Prinzessin der Welt sind und bald diejenigen verstehen werden, die Ihnen aufrichtig Gutes wünschen, — fügte er mit feinem Lächeln hinzu. — Und nun geruhen Sie vielleicht, mir zu folgen?

— Wohin? — fragte die Prinzessin erschrocken.

— Ins Reich des Königs Sonne, meines Gebieters! — sagte Strahl mit neuerlicher Verbeugung.

Prinzessin Eisscholle gefiel diese ehrerbietige Anrede sehr. Sie liebte Schmeichelei.

Der Knabe Strahl klatschte in die Hände, und augenblicklich erschien vor ihr ein leichter Wagen von der Farbe der Morgenröte, geflochten aus Rosenblättern. Zwei riesige, behaarte Bienlein zogen ihn.

— Steigen Sie schnell ein, Prinzessin, — drängte sie der Knabe Strahl, indem er im Nu Platz auf dem Bock nahm, — sonst erfrieren unsere Pferde, die Kinder der Sonnentage, in Ihrem kalten Reich.

Eisscholle ließ sich nicht zweimal bitten. Vornehmheit, Macht und Reichtum, die ihr in allernächster Zukunft winkten, veranlassten sie, fröhlich und leicht in den rosafarbenen Wagen zu springen, und davon ging die Fahrt.

Die erstaunte Wache des eisernen Palastes des Zaren Kälte sah mit Schrecken die vorbeisausende Prinzessin, doch bevor sie noch Alarm schlagen konnte, waren Eisscholle und Strahl bereits weit entfernt. Ihnen begegnete Großmutter Schneesturm, von Kopf bis Fuß in ihr weißes Tuch gehüllt.

Sie drohte mit ihrem Stock, versuchte der Prinzessin den Weg zu versperren, und schrie:

— Hüte dich, Prinzessin, höre nicht auf schmeichelnde Reden! Sei deinem Vater gehorsam. Kehre zurück! Kehre zurück!

Doch Strahl blickte der Alten nur lachend ins Gesicht, und sie rannte unter lautem Fluch Hals über Kopf in die Berge.

Inzwischen verschwanden die weißen Gletscher und Schneeverwehungen. Wärme und Duft hauchten die Prinzessin an. Vor ihr zeigte sich ein prachtvoller Garten.

Dort wandelten Feen, luftig und zart wie ein Traum. Ihr langes Haar schimmerte golden, scharlachrote Lippen lächelten; ihre leichten Kleider, gewebt aus Rosen- und Lilienblättern, waren in den zartesten Farbtönen gehalten. Leicht und luftig schwebten sie tanzend durch die Luft, wobei ihre Flügel kaum raschelten und im Glanz des Maitages silbern erschienen.

Im selben Augenblick, als sie die Prinzessin unter sich erscheinen sahen, begannen sie mit hellen, flötenähnlichen Stimmchen zu plappern:

1. Fee: Was für ein hübsches Mädchen! 2. Fee: Überhaupt nicht hübsch! Hat sich in solche Hitze eingehüllt und sieht aus wie ein Stück Schnee! 3. Fee: Sie hat Augen wie ein blauer See! 4. Fee: Unsere bunten Äuglein sehen viel besser aus! 5. Fee: Sie taugt nichts. Sie ist nichts im Vergleich zu uns an Schönheit! 6. Fee: Sie ist schwerfällig und ungeschickt und kann nicht in der Luft wirbeln wie wir. 7. Fee: Einfach eine Eiszapfen, der in unserem wunderbaren Reich kein Platz gebührt. 8. Fee: Eine hässliche Eiszapfen, mehr nicht.

Und dann schrien alle Feen gemeinsam:

— Eiszapfen! Eiszapfen! Eiszapfen!

Der armen Prinzessin Eisscholle wollte vor Kummer und Kränkung das Herz brechen. Doch ihre blauen Augen kannten keine Tränen. Ihr Herz erkaltete nur noch mehr. Es füllte sich nun bis zum Rand mit stolzer Verachtung gegenüber den kleinen Feen wegen ihrer unfreundlichen Haltung ihr gegenüber. Und sie sprach stolz und laut:

— Aha, jetzt lacht ihr über mich, ich erscheine euch hässlich und lächerlich, doch wenn ich eure Gebieterin sein werde, die Gemahlin des Königs Sonne, werdet ihr tief vor mir verneigen und alles an mir wunderschön finden.

Und als ob sie ihren Sieg über die spöttischen Feen bereits vorausahnte, schritt Prinzessin Eisscholle stolz vor ihnen einher und umhüllte sie von Kopf bis Fuß mit Kälte.

— Ach, widerwärtige Eiszapfen, was redet sie da? — schrien die zarten Feen und rückten drohend auf Prinzessin Eisscholle vor, indem sie ihre Flügelchen direkt vor ihrem Gesicht schwangen.

Plötzlich durchzog ein dumpfes Dröhnen das helle Reich. Tausende bunter Schmetterlinge stoben in alle Richtungen. Ein Schwarm Lerchen erhob sich in die blaue Luft und sang im Chor.

Ach, was war das für ein Gesang!

Ein solches Lied hatte Prinzessin Eisscholle in ihrem Leben nie in ihren hochgelegenen Gletschern gehört. Schwester Wirbelwind sang schlechter, hundertmal schlechter als die klingenden Lerchen.

Knaben Strahlen erschienen in großer Zahl und stellten sich in zwei Reihen auf der prächtigen Blumenwiese auf.

— König Sonne kommt! König Sonne kommt! — flüsterten die fröhlichen Feen und begannen, sich für die Ankunft ihres jungen Gebieters zurechtzumachen.

Und plötzlich erstrahlte alles zugleich wunderbar hell im lichten Reich. Prinzessin Eisscholle musste unwillkürlich die Augen zusammenkneifen. So viel Glanz und Licht war ringsum, dass es den Augen wehtat.

Unerwartet erschien auf einem goldenen Wagen ein goldlockiger Jüngling von solcher Schönheit, wie Eisscholle sie noch niemals gesehen hatte. Und er ganz strahlte; selbst seine Haare, Augen und Kleidung leuchteten. Auf den üppigen Locken ruhte eine goldene Krone, von der das blendende Licht ausging, das die Augen schmerzlich traf. Ein ganzes Gefolge von Knaben Strahlen drängte sich um ihn.

Alle Feen fielen beim Anblick des Königs auf die Knie. Nur Prinzessin Eisscholle trat stolz vor. Mit einem hochmütigen Blick über die Menge der Feen hinweg sah sie kühn auf

des schönen Königs und sagte:

— Dumme, kleine, nichtige Töchter der Luft haben es gewagt, über mich zu lachen, die mächtige Zarewna, eure künftige Gebieterin. Strafe sie, König Sonne, strafe sie sogleich!

Der König hob sanft die Augen zur Zarewna empor.

— Gleich werdet ihr es sehen! Gleich werdet ihr es sehen! — rief die triumphierende Ljodinka und wandte sich an die Feen. — Ich bin die Braut des Königs Sonne, und ihr müsst euch vor mir verneigen wie vor eurer gebietenden Königin.

Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch plötzlich hielt sie inne.

Ein ganzer Bündel Strahlen brach aus den goldenen Augen des Königs Sonne hervor. Wie glühende Nadeln bohrten sie sich in Ljodinkas Gesicht.

Aus ihrer Brust entrang sich ein lauter Schrei, ihre Beine knickten ein, die Augen schlossen sich, und sie fiel rücklings zu Boden, bleich wie der Tod.

Und unter dem brennenden Blick des Königs Sonne schmolz Ljodinka schnell dahin, schmolz dahin...

Auf den Bergen, in den Gletschern, weinte der alte Zar Kälte verzweifelt, als er vom Untergang seiner Tochter erfuhr. Frost und Schneesturm stimmten in sein Klagen ein und betrauerten die schöne Schwester.

Doch Ljodinka war geschmolzen, ganz und gar gestorben, gestorben, verbrannt von der Sonne, von ihren goldenen Augen.

Keine Spur blieb mehr von ihr übrig, als der König Sonne den spöttischen Feen befahl:

— Bildet Reigen und singt Lieder. Ich ziehe hinaus, um gegen den Zaren Kälte zu kämpfen, und hoffe bald den Sieg über meinen Feind zu erringen.

Und die Feen flogen mit fröhlichen Gesängen in alle Richtungen, um die frohe Botschaft zu verkünden, während die Menschen mit glücklichen Lächeln die gute Nachricht vom Nahen der Sonne empfingen, ihres geliebten, lichtvollen Königs...