Kunstmärchen

Der Zauberhügel

Ein alter norwegischer Troll besucht den König des Zauberhügels, um für seine Söhne Bräute unter den sieben Töchtern des Königs zu finden, wobei nur die jüngste Tochter, die Geschichten erzählen kann, durch ihre Authentizität und Kreativität das Herz des alten Trolls gewinnt.

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Der Zauberhügel

Flinke Eidechsen huschten nur so über die rissige Rinde des alten Baumes. Sie verstanden einander ausgezeichnet – denn sie sprachen miteinander in Eidechsensprache.

– Nein, hört nur, wie es dröhnt, wie es im Zauberhügel brodelt, sagte eine Eidechse, wegen ihres Treibens habe ich schon zwei Nächte kein Auge zugetan. Lieber hätten mir die Zähne wehgetan, Ruhe gibt es trotzdem nicht.

– Da wird etwas im Inneren ausgeheckt! sagte die zweite Eidechse. Nachts heben sie den Hügel auf vier Feuersäulen, und er steht so bis zum ersten Hahnenschrei – offenbar wollen sie ihn gründlich durchlüften. Und die Waldjungfrauen üben neue Tänze mit Stampfschritten ein. Da wird etwas ausgeheckt.

– Interessant, was das für Gäste sind? gerieten die Eidechsen in Aufregung. Und was wird da ausgeheckt? Hört nur, wie es brodelt, wie es dröhnt!

Genau in diesem Moment öffnete sich der Zauberhügel, und daraus trat, schnell mit ihren Beinchen trippelnd, eine alte Waldjungfrau heraus. Einen Rücken hatte sie zwar nicht, aber ansonsten sah sie вполне anständig aus. Sie war eine entfernte Verwandte des Waldkönigs, diente bei ihm als Haushälterin und trug auf der Stirn ein bernsteinernes Herz. Ihre Beine flitzten nur so – eins-zwei, eins-zwei! Schau nur, wie sie davontrippelte, und zwar geradewegs ins Moor, wo der Ziegenmelker lebte.

– Ihr seid zum Waldkönig eingeladen, das Fest findet heute Nacht statt, sagte sie. Doch zunächst möchten wir euch um einen Gefallen bitten. Wärt ihr bereit, die Einladungen auszutragen? Denn ihr richtet selbst keine Empfänge aus, da könnte es nicht schaden, anderen zu helfen! Wir erwarten vornehme Ausländer, Trolle, falls euch das etwas sagt. Und der alte Waldkönig möchte sich nicht blamieren.

– Wen sollen wir einladen? fragte der Ziegenmelker.

– Nun, zum großen Ball laden wir alle möglichen Leute ein, sogar Menschen, sofern sie im Schlaf sprechen können oder sonst irgendetwas in unserem Fach betreiben. Doch zum Abendessen wurde beschlossen, wählerischer zu sein und nur die allerVornehmsten einzuladen. Wie viel habe ich mit dem Waldkönig gestritten! Meiner Meinung nach sollte man nicht einmal Gespenster einladen. Zuallererst muss der Meereskönig mit seinen Töchtern eingeladen werden. Zwar mögen sie es nicht besonders, an Land zu kommen, doch wir setzen sie auf nasse Steine, und vielleicht fällt uns noch etwas Besseres ein. Hoffentlich lehnen sie dieses Mal nicht ab. Dann müssen alle alten Trolle höheren Ranges eingeladen werden, jene mit Schwänzen. Danach der Wassermann und die Hausgeister, und außerdem meine ich, dass man das Friedhofsschwein, das dreibeinige Pferd ohne Kopf und den Kirchenzwerg nicht übergehen darf. Zwar gehören sie zur unreinen Kraft anderer Art und scheinen irgendwie der Kirche zugeordnet zu sein, aber schließlich ist das nur ihre Arbeit, und wir sind doch immerhin nah verwandt, und sie besuchen uns oft.

– Gut! sagte der Ziegenmelker und flog davon, um die Gäste zusammenzurufen.

Die Waldjungfrauen jedoch tanzten bereits auf dem Zauberhügel.

Sie übten einen Tanz mit Schleieren ein, mit langen Schleiern, gewebt aus Nebel und Mondglanz. Und wer solchen Geschmack hat, würde ihren Tanz sehr schön finden. Im Inneren des Hügels war alles geputzt und geleckt. Der Boden in der riesigen Halle wurde mit Mondlicht gewaschen, und die Wände wurden mit Hexenfett abgerieben, sodass sie glänzten wie Tulpen in der Sonne. Die Küche bog sich unter den Vorräten; Frösche wurden am Spieß gebraten, Kinderfinger dienten als Füllung für Aalwürste, Salate wurden aus Giftpilzen, eingelegten Mäuseschnauzen und Schierling zubereitet. Das Bier wurde von der Moorfrau gebracht, aus ihrer Brauerei, und der schäumende Wein aus Salpeter kam direkt aus den Grabgewölben des Friedhofs. Alles wurde nach den besten Rezepten zubereitet, und als Nachtisch sollten rostige Nägel und zerbrochene Kirchenfenster serviert werden.

Der alte Waldkönig befahl, seine Krone mit zerriebenem Griffel zu reinigen, doch nicht mit einem gewöhnlichen, sondern mit jenem, mit dem der beste Schüler geschrieben hatte. Solch einen Griffel für den Waldkönig zu beschaffen, ist keine leichte Aufgabe! Im Schlafzimmer wurden Vorhänge aufgehängt und mit Schlangenspeichel angeklebt. Kurzum, es herrschte ein höllischer Trubel.

– Nun, noch etwas mit Pferdehaar und Schweineborsten räuchern, und dann meine ich – ist meine Arbeit getan! sagte die alte Waldjungfrau.

– Väterchen! Lieber! drängte die jüngste Tochter den Waldkönig. Sag doch endlich, wer eigentlich diese vornehmen Ausländer sind?

– Nun denn! antwortete der König. Vielleicht kann man es ja sagen. Zwei meiner Töchter werden heute Bräute. Zwei von euch müssen heute in fremde Länder reisen. Heute kommt der alte norwegische Troll zu uns, jener, der im Dovre-Gebirge lebt. Wie viele steinerne Schlösser hat er auf wilden Klippen erbaut! Und wie viele Goldminen besitzt er – weit mehr, als man denkt. Mit ihm reisen seine beiden Söhne; sie sollen sich Frauen aussuchen. Der alte Troll ist ein echter, ehrlicher Norweger, offen und fröhlich. Wir kennen uns schon lange, haben einst Brüderschaft getrunken. Er kam damals hierher, um eine Frau zu holen; nun ist sie nicht mehr am Leben. Sie war die Tochter des Königs der Kreidefelsen von der Insel Møn. Und wie man so sagt, wurde auf Kreide gespielt. Oh, wie habe ich mich nach dem alten Troll gesehnt! Zwar geht das Gerücht über die Söhne, sie seien schlecht erzogen und große Raufbolde. Doch vielleicht verleumdet man sie nur. Sobald sie heiraten, werden sie schon vernünftig werden. Ich hoffe, ihr versteht es, sie unter eure Kontrolle zu bringen.

– Wann kommen sie denn? fragte eine der Töchter.

– Das hängt vom Wetter und vom Wind ab, antwortete der Waldkönig. Sie sind es nicht gewohnt, zu sparen; sie reisen auf einem Schiff! Ich riet ihnen, über Land durch Schweden zu fahren, doch der alte Troll will bisher nichts davon wissen. Er hinkt dem Leben hinterher, das gefällt mir nicht.

Plötzlich kamen zwei Irrlichter hüpfend herbeigeeilt; eines bemühte sich, das andere zu überholen, und kam daher als erstes an.

– Sie kommen! Sie kommen! riefen sie.

– Lasst mich erst die Krone aufsetzen, befahl der Waldkönig, und stellt mich dorthin, wo der Mond heller scheint.

Die Töchter rafften ihre langen Schleier zusammen und verneigten sich fast bis zur Erde. Vor ihnen stand der Dovre-Troll mit einer Krone aus festen Eiszapfen und polierten Fichtenzapfen. Er war in einen Bärenpelz gehüllt, und seine Füße steckten in warmen Stiefeln. Die Söhne hingegen prahlten ohne Hosenträger und mit nackter Brust – sie hielten sich für Helden.

– Und das ist ein Hügel? fragte der Jüngere und stieß mit dem Finger auf den Zauberhügel. Bei uns in Norwegen nennt man das eine Grube.

– Kinder! sagte der Alte. Eine Grube führt nach unten, ein Hügel führt nach oben. Habt ihr keine Augen?

Die jungen Burschen erklärten, sie wunderten sich nur darüber, wie sie sofort, ohne Vorbereitung, die hiesige Sprache verstehen konnten.

– Tut nicht so, als ob, sagte der Alte. Sonst denkt man noch, ihr seid völlig ungelehrt.

Alle betraten den Zauberhügel. Dort hatte sich bereits eine erlesene Gesellschaft versammelt, und zwar so schnell, als wären die Gäste vom Wind hierhergeweht worden. In der Halle war alles so eingerichtet, dass sich jeder Geladene wie zu Hause fühlte. Wassermänner und Nixen saßen in großen Wasserfässern und sagten, es sei ihnen sehr gemütlich. Alle benahmen sich am Tisch, wie es sich gehörte; nur die jungen norwegischen Trolle streckten sofort die Beine auf den Tisch – denn ihrer Meinung nach war alles, was sie taten, äußerst liebenswert.

– Weg mit den Beinen aus den Tellern! fuhr der Dovre-Troll dazwischen, und die Brüder gehorchten, wenn auch nicht sofort.

Nun waren die Waldjungfrauen dran, zu zeigen, wie sie tanzen konnten, und sie führten sowohl einfache Tänze als auch Tänze mit Stampfschritten vor; das gelang ihnen ausgezeichnet! Danach folgte ein echtes Ballett; hierbei galt es, sich im Wirbel des Tanzes zu verlieren. Ach du meine Güte, wie sie die Beine hochwarfen! Allen wurde es vor den Augen schwindelig: man konnte nicht unterscheiden, wo Hände waren, wo Füße, wo eine Schwester, wo die andere; mal liefen sie radförmig, mal drehten sie sich wie Kreisel, sodass dem dreibeinigen kopflosen Pferd am Ende übel wurde und es den Tisch verlassen musste.

– Nun ja, sagte der alte Troll, das machen sie tüchtig! Aber was können sie noch, außer tanzen, die Beine hochwerfen und sich wie Kreisel drehen?

– Das wirst du gleich sehen, sagte der Waldkönig und rief die Jüngste herbei. Dies war die schönste der Schwestern, zart und durchscheinend wie Mondlicht. Sie legte ein weißes Holzspan in den Mund und wurde unsichtbar – das war es, was sie konnte!

Doch der Dovre-Troll sagte, er möchte keine Frau haben, die solche Kunststücke vollbringen kann, und auch seinen Söhnen würde das kaum gefallen.

Die zweite Schwester konnte allein neben sich herself gehen, als wäre sie ihr eigener Schatten, wobei Trolle doch gar keine Schatten haben.

Die dritte hatte ganz andere Neigungen – sie hatte bei der Moorfrau selbst das Bierbrauen gelernt. Sie hatte es so kunstvoll fertiggebracht, Erlenzweige mit Glühwürmchen zu spicken!

– Wird eine gute Hausfrau werden! sagte der alte Troll und zwinkerte ihr zu, doch trank er kein Bier; er wollte nicht zu viel trinken.

Die vierte Waldjungfrau trat vor; in ihren Händen hielt sie eine große goldene Harfe. Sie schlug einmal die Saiten an, und die Gäste hoben das linke Bein, denn alle Trolle sind Linkshänder. Sie schlug ein zweites Mal, und alle waren bereit, das zu tun, was sie

befehlen wird.

– Was für eine gefährliche Frau! – sagte der alte Troll, doch seine Söhne drehten sich um und gingen aus dem Hügel hinaus: all das war ihnen bereits leid geworden.

– Und was kann die Nächste? – fragte der alte Troll.

– Ich habe gelernt, alles Norwegische zu lieben, – sagte die fünfte Tochter. – Und ich werde nur einen Norweger heiraten; ich träume davon, nach Norwegen zu gelangen.

Doch die jüngste Schwester flüsterte dem Troll ins Ohr:

– Sie hat lediglich aus einem norwegischen Lied erfahren, dass die norwegischen Felsen standhalten werden, selbst wenn das Ende der Welt kommt. Deshalb möchte sie auf sie klettern – sie hat schreckliche Angst davor, umzukommen.

– Ho-ho! – sagte der alte Troll. – Nun gut! Wo aber bleibt die siebte und letzte?

– Erst die sechste, – sagte der Waldkönig, er konnte nämlich zählen. Doch die sechste wollte sich um nichts in der Welt zeigen.

– Ich kann nichts anderes, als die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, – beharrte sie, – und das mag niemand. Lieber nähe ich mir mein Leichentuch.

Nun kam die Reihe an die siebte, die letzte Tochter. Was denn konnte sie? O, diese verstand es, Märchen zu erzählen, und zwar so viele, wie das Herz begehrte.

– Hier sind meine fünf Finger, – sagte der Dovre-Troll, – erzähle mir von jedem ein Märchen.

Das Waldmädchen nahm seine Hand und begann zu erzählen, während er sich vor Lachen krümmte. Als sie jedoch beim Ringfinger angelangt war, der einen goldenen Reif um die Taille trug, als wüsste er, dass einer Verlobung nicht zu entgehen sei, erklärte der alte Troll:

– Halte meine Hand fest. Sie gehört dir. Ich nehme dich selbst zur Frau.

Doch das Waldmädchen antwortete, sie habe noch nicht vom Ringfinger und vom kleinen Finger erzählt.

Und wirklich, wo waren die Jungen? Sie jagten über das Feld und löschten die Irrlichter, die sich ordentlich in einer Reihe aufgestellt hatten und bereit waren für einen Fackelzug.

– Genug des Müßiggangs! Ich habe eine Mutter für euch gefunden! Ihr könnt eure Tanten heiraten.

Doch die Söhne erwiderten, sie hätten größere Lust, Reden zu halten und Brüderschaft zu trinken, als zu heiraten. Und so hielten sie Reden, tranken Brüderschaft und stürzten die Gläser kopfüber, um zu zeigen, dass alles bis auf den letzten Tropfen getrunken war. Dann zogen sie sich die Kleider vom Leib und legten sich direkt auf den Tisch schlafen – Schamhaftigkeit war nicht ihre Stärke. Der alte Troll aber tanzte mit seiner jungen Braut und tauschte sogar die Schuhe mit ihr, denn das ist viel interessanter, als Ringe zu tauschen.

– Der Hahn kräht, – sagte die alte Waldfrau, die als Haushälterin fungierte. – Es ist Zeit, die Fensterläden zu schließen, sonst verbrennen wir hier in der Sonne.

Und der Hügel schloss sich.

Auf dem gesprungenen alten Baum huschten Eidechsen auf und ab, und eine sagte zur anderen:

– Ach, der alte norwegische Troll hat mir so gut gefallen!

– Mir haben die Söhne besser gefallen, – sagte der Regenwurm, doch er war ja völlig blind, der Arme.